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DITFURTH, Hoimar von  
hat ganz wesentlich meine Interessen an Kosmologie, Evolution, Erkenntnistheorie und letztlich Metaphysik geweckt. Deshalb fehlt sein Name nicht im Reigen der »Katalysatoren«, die im Spiegel der Möglichkeiten den Verschmelzungsprozess der Antworten fördern.

»Im Anfang war der Wasserstoff« (eine Zusammenfassung findet sich bei Peter Möller unter Link ), denn ich stieß zuerst – vor ca. 25 Jahren – auf dieses Buch, weil ich nach einer Laien verständlichen Darstellung des so genannten Urknalls suchte. Und es war ein Knaller! Dieser Mann schrieb nicht nur verständlich, nein, mitreißend! Und er spannte die spannendsten Bögen von Kosmologie und Physik zu Biologie und Neurologie und zu Philosophie und Religion. Fortan war ich Ditfurth-Fan, verpasste kaum eine der didaktisch immer hervorragenden Querschnitt-Sendungen im ZDF (das mich schon in Jugendjahren mit dem eigentlich strohtrockenen Prof. Heinz Haber in seinen Bann gezogen hatte) und las schnell das schon früher erschienene Buch »Die Kinder des Weltalls« (zum Glück gibt es ja Leihbüchereien, denn selbst leistete ich mir diese Bücher erst später in Taschenbuchausgaben, während ich mir seine letzten Werke in der Erstauflage kaufen durfte). Thematisch war das meinen ursprünglichen Interessen näher, denn als Kind war ich ein arger Sterngucker. In der »falschen« Reihenfolge des Lesens aber enttäuschte mich das früher geschriebene Buch etwas. Nun fehlten mir schon die brillanten Bögen, zu denen sich Ditfurth wohl auch erst aufschwingen musste.

Auch die noch recht neuen »Dimensionen des Lebens« faszinierten mich weniger, so anregend sie auch waren, da es sich »nur« um eine Sammlung von Querschnitt-Themen handelte. Doch was sich da als subjektive Ernüchterung kundtat, war doch eigentlich schon Prägung: Das Gesamtbild faszinierte mich, nicht mehr so sehr das Einzelne. Und Ditfurth hat ein großes Gemälde geschaffen und mir neue Dimensionen geöffnet. Insofern fiel »Der Geist nicht vom Himmel« (dazu: Link Link und Link ), doch drang er gerade auch mit diesem neuen Ditfurth-Buch in mich ein. Denn kurioserweise hatte ich nie so recht über das Denken nachgedacht. Die von Ditfurth vertretene Evolutionäre Erkenntnistheorie aber leuchtete mir ungeheuer ein, warf zudem neue Fragen auf, die mich mit Ditfurth zur Philosophie und zur auf diesem Fundament eigentlich abwegigen Aussage führten: »Wir sind nicht nur von dieser Welt« Link .

In »Erwins Bücherecke« heißt es unter Link ganz treffend: »Kann man die Existenz oder gar die tätige Anwesenheit eines Gottes in einem Universum glauben, das sich nach einigen Jahrhunderten naturwissenschaftlicher Forschung unserem Verstand als erklärbar zu präsentieren begonnen hat?« Mit dieser einfachen, aber grundlegenden Frage beschäftigt sich dieses Buch von Hoimar von Ditfurth. Er versucht dabei nichts Geringeres, als die naturwissenschaftliche Deutung der Welt mit ihrer religiösen Interpretation zu verbinden. Ditfurth unternimmt diesen Versuch in der Überzeugung, dass der Brückenschlag zwischen theologischem und naturwissenschaftlichem Weltbild überfällig geworden und ohne fundamentale Widersprüche möglich ist. Im Zentrum seiner Darstellung steht dabei der für die moderne Naturwissenschaft grundlegende Gedanke der Evolution: »Bemerkenswerterweise liefert gerade dieses geistige Konzept einen entscheidenden Schlüssel zu einem besseren, in mancher Hinsicht ganz neuen Verständnis uralter theologischer Aussagen.« – Ich denke, Leser meiner Abenteuer werden von diesem Verständnis einiges im Buch finden können.

Als Ditfurth 1985 ein Buch »all den vielen, den allzuvielen Menschen« widmete, »die es noch immer nicht wahr haben wollen«, fühlte ich mich nicht angesprochen, denn mich musste er nicht mehr zum Pazifisten machen und auch nicht zum Umweltschützer. Doch die Art, mit dem Thema umzugehen, beeindruckte mich erneut und kommt im Buchtitel schön zum Ausdruck: »So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen – Es ist soweit«. - Es ist wie die Antwort, die er einmal in einem Interview auf die Frage fand, ob es denn nicht zu spät und hoffnungslos sei: »Wenn wir die Veränderung wagen, können wir verlieren, wenn wir es nicht wagen, haben wir schon verloren.«

Zwei Jahre später erschien eine Sammlung von Reportagen, Vorträgen und Aufsätzen unter dem erneut beziehungsreichen Titel »Unbegreifliche Realität« und dem noch beziehungsreicheren Untertitel: »... eines Menschen, der das Staunen nicht verlernt hat«. Darin staunt er über das menschliche Selbstverständnis, das Leib-Seele-Problem, Giordano Bruno, die Evolution und vieles mehr und schreibt auch (vgl. auch die besuchenswerte Page von Gerald Plewa unter Link ): »Jedes Weltbild, es mag noch so unvollkommen sein, suggeriert den Eindruck innerer Geschlossenheit. Daraus aber erwächst für den Forscher die Gefahr, dass sich bei ihm ein Wahrnehmungsdefekt ausbildet, eine Art ’blinder Fleck’, der ihm die bestehenden Wissenslücken verdeckt. ... In den meisten Fällen stellt sich heraus, dass die Probleme nicht deshalb ungelöst blieben, weil ihre Lösung zu schwierig gewesen wäre, sondern deshalb, weil sie als Probleme überhaupt nicht gesehen wurden. Anders ausgedrückt: Die meisten Antworten wurden nicht gefunden, weil man die Fragen, die zu ihnen hätten führen können, erst gar nicht gestellt hatte.« Das ist zweifellos ein Ureda-Thema, warten doch im Gewölbe vergessener Antworten diese auf die richtigen Fragen ...

Hoimar von Ditfurth selbst suchte – konsequent wie er war – zuletzt in sich selbst. Am Beispiel der eigenen Biografie untersucht er das Selbstverständnis des Menschen, schlägt wieder den Bogen vom Anfang im (eigenen) Nichts bis in die Zukunft, überschreitet die Grenzen von Naturwissenschaft hier, Geisteswissenschaft dort, von Objektivität und Individualität, erschreckt und tröstet zugleich.

Die »Innenansichten eines Zeitgenossen« Link wurden bereits von einem Sterbenden verfasst. Im September 1989, dem Erscheinungsjahr des Buches und dem Todesjahr des Autors, gab er Dieter Zilligen ein letztes, beeindruckendes Fernsehinterview, das auch als Büchlein unter dem Titel »Das Gespräch« erschienen ist.

Alles, was man über diesen großen Mann wissen will (oder soll), kann diesen Veröffentlichungen entnommen werden. Dennoch sei ein Link auf eine Kurzbiografie bei Leopold Weißenböck gegeben Link und noch einmal der Hinweis auf Peter Möller, der auch einige Kapitel der »Innenansichten« zusammenfasst Link .

Die wohl umfassenste website im Netz zu Hoimar von Ditfurth, seinem Werk und vielem, was damit zusammenhängt, stammt von Heinz Boente, ist unter Link aufrufbar und absolut empfehlenswert.

Für Eilige und Faktensucher sei nur dies gesagt: Hoimar von Ditfurth wurde am 15.10.1921 in Berlin geboren, lehrte als Professor der Psychiatrie und Neurologie in Würzburg und Heidelberg. Er verzichtete auf die Position eines Geschäftsführers beim Boehringer-Konzern und war statt dessen seit 1969 als freier Wissenschaftspublizist tätig (u.a. Fernsehserie »Querschnitte«). Ditfurth erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter 1978 der Kalinga-Preis für die Popularisierung der Naturwissenschaften der UNESCO, und starb am 1.11.1989 in Freiburg.

Ein Preis trägt auch seinen Namen: der von der Deutschen Umwelthilfe gestiftete Hoimar-von-Ditfurth-Preis für die beste journalistische Darstellung ökologischer Probleme für Kinder und Jugendliche. – Ich bin sicher, das hätte ihn mehr gefreut als die eigenen Auszeichnungen. Denn trotz allem setzte er auf die Jugend und war, wie etwa auch der Umweltethiker Hans Jonas, keineswegs ein Kulturfeind. Das sagen nur die, die unfähig sind, die »nächste Schwelle der Menschwerdung« zu ersteigen, wie Ditfurth es einmal nannte: die Herausforderungen der Zukunft auch durch Unterlassen zu bestehen, nicht durch Machen um der Machbarkeit willen.


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