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FREITAG  
Ein Freitag, konkret der 15. Juli, spielt eine mehrfache Rolle im Spiegel der Möglichkeiten. Das Datum ist als dasjenige mysteriöser Postkarten »Sofies Welt« entnommen, wo es eine gewisse Zeitparadoxie andeutet.

Und genau dies wird gesteigert: Mit dem Rätsel um den Freitag wird das Thema Zeit in Szene setzt, und die von den Mädchen entwickelte These vom dreifachen Freitag bringt Ordnung in die Verwirrung um unterschiedliche Erlebnisse, unterschiedliche Erinnerungen. Dabei bringt sie der in diese »Zeitschleife« eingewobene Giordano Bruno auf die Spur, der das Universum unendlich und ganzheitlich dachte. – So leicht ist es, Rätsel zu lösen und die Welt doppelt reich zu machen, weil sie zwei parallele Geschichten schreiben darf. So leicht können Unterschiede, ja sogar Gegensätze zugleich wahr sein, analog der physikalischen Komplementärlehre von Welle und Teilchen!

Nur, Geschichte kann nicht gedoppelt und nicht verändert werden, höchstens die Geschichtsschreibung. Einzig im Gegensatz zur Geschichte, in der zeitlosen Unendlichkeit, ist alles zugleich oder überhaupt nie etwas anderes, denn im Unendlichen fallen die Gegensätze zusammen, ist keine Unterscheidbarkeit gegeben, was schon die Eleaten faszinierte, Cusanus religiös steigerte, Bruno mit der aufkommenden Wissenschaft verband. Unterstellen wir jedoch, wie im nachmythischen, rationalen Denken selbstverständlich, den Zeitpfeil, Bewegung und somit Geschichte, dann ist ein doppelter oder gar dreifacher Freitag paradox und verstößt gegen die Grundregeln der Logik, welche die Vorsokratiker einführten.

Leider ist auch das beliebte SF-Thema der Zeitreisen mit unseren physikalischen Modellen unverträglich. – Soll man sich also der gewagten These von Paralleluniversen hingeben, der sich sogar die Quantenphysik gelegentlich bedient? Wenn man das tut, werden auch leicht andere im Buch aufgeworfene Fragen geklärt, wie die, ob Romanfiguren eigentlich existieren, und wenn ja, ob im Kopf des Autors oder der Leserin oder gar gedruckt im Buch. Dann wird die seit Erfindung der neuen Medien ohnehin immer poröser werdende Membran zwischen virtueller Welt (die der Möglichkeit) und natürlicher Welt (die eines realisierten Pfads durch den Möglichkeitsraum) durchdrungen, wie es am Endes des vierten Buches in einer Welten überwindenden Selbsttröstung des Autors geschieht, wenn er schreibt, dass dann, wenn das Buch nie in der realen Welt erschiene, es Teil der Parallelwelt würde.

Nun, etwa zwei Jahre später schreibt dieser Autor am Freitag dem 15. Juni 2001 diesen Text und weiß noch immer nicht, in welcher Welt das Virtuelle physisch werden wird. Ja, er weiß noch nicht einmal, ob es ein einfacher, doppelter oder dreifacher Freitag ist, da er als ein bewusstes Wesen immer nur eine Geschichte in seinem Bewusstsein verankern kann. Literarisch ist er für den dreifachen Freitag (bildlich dargestellt von M.C. Escher in »Andere Welt 5«: Link ), weil dazu auch der in die Abenteuer immer wieder eingewobene dialektische Dreiklang ins Bild passt: Denn man darf auch ganz nüchtern all diese Thesen verwerfen und dennoch mit der Romanhandlung zurechtkommen. Ohne die fantastischen Möglichkeiten verbleiben Irrtum, Betrug oder Fieberträume als zulässige Interpretationen. Genau damit aber hören wir die Komplementärpositionen, und der dritte Ton der Dialektik ist der vereinigend neue.

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