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ATOMISTEN  
sind keine Kraftwerkbetreiber oder Militärs und erst recht keine Atomgegner und noch nicht einmal Atomphysiker. Vielmehr sind sie gar nichts Existentes mehr und waren sehr abstrakte Denker.

Daher sollte man meinen, sie zählten nicht gerade zu den so genannten Materialisten. Doch wir werden eines Besseren belehrt und wissen dadurch auch, dass es um Philosophiegeschichte geht: Denn Philosophie selbst ist immer einfach und klar, die Interpreten, Systematiker und Denkklassenerfinder aber sehen es als ihre Aufgabe an, alles so komplex und kompliziert zu machen, dass man nicht umhin kann, sie zu bewundern.

Nach deren Klassifikation sind Atomisten die Vertreter einer philosophische Richtung (Atomistik), die davon ausgeht, dass die Welt aus Atomen und dem Leeren besteht. In der antiken Philosophie, so verrät uns etwa der Link auf Link , vertraten Leukipp, Demokrit, Epikur und andere diese Richtung, die auch Galilei, Descartes, Newton und Leibniz beeinflusst habe. Jetzt wissen wir es, oder auch nicht.

Tatsächlich hatten die alten Vorsokratiker (siehe dort) ein ganz anderes Problem und geniale Lösungseinfälle: Sie wollten, wie alle Metaphysiker, die wahrnehmbare Welt verstehen und dabei das Problem lösen, dass diese offensichtlich endlich und veränderlich ist (Heraklit: »alles fließt«), aus Gründen der spätestens seit Thales entwickelten Logik aber ein wahres Sein absolut und eben nicht veränderlich sein kann (Parmenides) und Endliches nicht aus sich selbst hervorzugehen vermag. Anaximenes war deshalb auf den fantastischen Gedanken gekommen, die Unendlichkeit zu erfinden. Diese ist aber unerfahrbar, ein reines Denkmodell und so unstofflich, dass damit schlecht eine materielle Welt begründbar schien, die doch nach den bisherigen Annahmen aus Urstoffen hervorgegangen war.

Leukipp fand dann den Supertrick mit folgendem Modell: Es gibt kleinste, den Sinnen nicht unmittelbar zugängliche, aber materielle Teilchen, die absolut voll und unveränderlich und selbst bewegt sind in einer zwischen ihnen herrschenden völligen Leere. Damit waren vielfältige Alles ins völliges Nichts gedacht und die Idee des Absoluten blieb im Prinzip gewahrt. Das Sein (das absolut Volle in der absoluten Leere: der dualistische Grundansatz) aber war nicht Eines (und damit vollkommen und undifferenziert und unbewegt), sondern Vielzahl: Es sind unteilbare Vollkörper ohne Leere (»Atome«), die sich verbinden können und erst im Verbund unseren Sinnen zugänglich werden. So bilden sie die materielle Welt, die wir heute als die mittlere zwischen Mikrokosmos und Weltall kennen. Durch Trennung und Neuverbindung erzeugen sie die uns offensichtliche Dynamik, die aber nicht eigentliches Werden ist, sondern Veränderung im Sein. Diese ist real, und auch die Bewegung muss nicht aus Gründen der Logik geleugnet werden, wie dies die Eleaten taten. Die gebildeten Dinge selbst haben Eigenschaften wie Härte, Schwere, Dichte, die sich aus den Atomballungen ergeben. Das sind die primären, die objektiven, die »wahren« Eigenschaften. In unseren Sinnen aber bringen sie sekundäre, nur vermeintliche Eigenschaften hervor, wie Farbe oder Geschmack. Das aber sind subjektive Urteile, wie Schönheit und Wert: Damit war eine Wertung in die Welt gebracht, die erst in unseren Tagen ihren Höhepunkt erlebt, weil in der klassischen Philosophie die Sophisten, Sokrates und Platon, die Stoiker und andere den Blick auf das Geistwesen Mensch lenkten. Durch die materialistische Naturwissenschaft der Neuzeit aber wurde das Primäre und Objektive zum Wahren, das Sekundäre und Subjektive zum Unwerten. Auch dass die Atomisten die Seele als materiell, aus sehr feinen Seelenatomen zusammengesetzt ansahen, spiegelt sich heute in der Reduktion auf physiologische Prozesse, die alles Fühlen und Denken ausmachen sollen.

Doch auch ein letztes, seit der kopernikanischen Wende beherrschendes Moment geht auf Leukipp zurück: der Determinismus. Denn, so lehrte der Alte in Abdera, diese Atombewegungen sind nicht zufällig und planlos, sie sind vielmehr in sich sinnvoll und ohne äußere Steuerung zwanghaft: »Kein Ding entsteht planlos, sondern alles aus Sinn und unter Notwendigkeit.« (Leukippos) Zufall und Freiheit sind nur unsere Erfindungen aus Dummheit, weil wir das Geschehen nicht verstehen.

Diesen Gedanken, speziell den des selbst unveränderlichen Atoms als Grundbaustein der Welt, warf er als geistige Nadel in den Heuhaufen der Welt. Sie wurde philosophisch auch zu den (unterschiedlichen) Monaden des Bruno oder Leibniz transformiert und auch in diesen Erscheinungen immer wieder Im Spiegel der Möglichkeiten gesucht, bis sie dort und in der jüngsten Geschichte physikalisch gefunden und auf die subatomare Welt der Elementarteilchen Link heruntergebrochen wurde. Doch im Reich der Quanten wird das erste echte Wissenschaftsmodell der Geschichte zum Paradoxon im Licht der alten Logik und kurioserweise zum besten nach der neuen dialektischen: Denn im Subatomaren wird die Grenze zwischen virtueller und physischer Welt aufgelöst, werden bildlich alle materiellen Erscheinungen zu Verklumpungen in einem zusammenhängenden und ungetrennten Seinsbrei, wie es Wendur in den philosophischen Abenteuern einmal nennt, wird die atomistische Teilung in isolierte Körper innerhalb des Nichts zur Ganzheit des Alles.

Insofern dreht sich ein Möbiusband zurück, sogar was die Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie der frühen Atomisten angeht. Diese meinten nämlich, die Gegenstände sendeten Atome aus, die vom Auge erfasst und als Abbilder gespeichert werden könnten. Letztlich sei auch das Erkennen und Denken mit Atombewegungen zu erklären. Heute interpretieren wir Sehen als Vorgang, bei dem emittierte oder (zumeist) an den Dingen reflektierte Lichtquanten aufgenommen und energetisch verarbeitet werden. Wir haben materialistische Erklärungen für die Denkfähigkeit (was nicht heißt, dass es auch die für Gedanken oder Erlebnisse sind: Link ). Doch – nun folgt die Drehung im Band – die Welt der Quanten scheint zugleich Ursprung der (kollektiven) Notwendigkeit wie der individuellen Freiheit (Zufall bis Wille) zu sein: Sie ist der Möglichkeitsraum, aus dem Bewusstsein Realität schaffen kann. – Dazu gibt es, bis hin zur ethischen Interpretation, die erstmals Epikur anging, etliche Denkabenteuer im Buch und einige weitere hier im Spiegel-ABC (etwa auch beim scheinbar unverfänglichen Anaxagoras).

Im Internet aber gibt es diverse Klickpunkte, die unzählige Atome in Bewegung setzen und so Texte und Bilder zaubern: Etwa zur Geschichte der Atomistik bis in die Moderne jeweils kurz unter Link oder Link , ausführlicher unter Link und spezieller zum Begriff Atom unter Link . Eine umfangreiche Facharbeit über die Entwicklung des Atommodells von den Anfängen bis zur Quantenmechanik gibt es von Michael Velle unter Link . Originaltexte der alten Atomisten bietet wieder der Lehrer Gottwein (Link ). Die alten - und leider zu wenige der jungen - Philosophielehrer streiten gemäß der sehr empfehlenswerten Abhandlung von Holm Tetens unter Link um die reale oder imaginäre Existenz der Atome nicht zuletzt aus einem Grund: Nur mit antirealistischen Argumenten kann man neben dem Geltungsbereich der Physik für die Metaphysik und den Glauben Platz schaffen. Oder eben mit Alternativmodellen. Diese, zumindest aber auch die Gegenargumente in der Jahrtausende langen Diskussion um die Atomlehre findet man in dem interessanten PDF-File »Metamorphosen der Materie« von Gernot Eder unter Link . Der Begriff der Metamorphose aber verweist direkt auf die ganzheitlichen Vorstellungen Goethes, der sich dagegen wehrte, mit einer materialistischen Atomlehre die Qualitäten in der Welt erklären zu wollen. Der Anthroposoph Rudolf Steiner beschrieb und interpretierte das naturwissenschaftliche Gegenmodell Goethes unter Link , wobei hier speziell Kapitel 17 von Interesse ist.

Egal wie wir denken, in keinem Fall sollten wir bei der Atom-Geschichte vergessen, dass es einen 6. August 1945 (Hiroshima) und einen 9. August (Nagasaki) gab, und noch eines bedenken: Die Wahrscheinlichkeit für einen GAU bei friedlicher Atomkraftnutzung ist scheinbar sehr gering, nämlich 1 zu 10.000 Betriebsjahren (vgl. Link ). Doch bei knapp 500 Atomkraftwerken Link auf unserem blauen Planeten und einer erheblich höheren Zahl einzelner Reaktoren bedeutet dies, dass die Wahrscheinlichkeit, einen GAU zu erleben, durch diese Zahl geteilt werden muss und damit auf mehrere pro Generation wächst. Was das bedeutet, sollte Tschernobyl mit 400.000 Evakuierungen, etwa 8.000 Opfern und Millionen Krebsfällen gezeigt haben Link . Um derartige (und es war ja bei weitem nicht das einzige, wenn wohl auch bisher schwerste) »Erlebnisse« zu vermeiden, ende ich hier mit Tipps für Atomkraftaussteiger (Link , Link , Link und Link ) und dem Hinweis, dass die alten Atomisten rechnen konnten und sich nicht mehr vom mythischen Glauben (damals an die Götter, heute an die volle Beherrschbarkeit der Technik) einlullen lassen wollten.


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