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UNENDLICHE GESCHICHTE  
ist eine paradoxe Formulierung, denn Geschichte ist immer endlich, ist geradezu der Gegensatz zur Unendlichkeit. Zudem heißt es in Michael Endes wunderbarem Buch, auf das ich reflektiere, weil es im Spiegel der Möglichkeiten eine Rolle spielt, immer wieder: »Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.«

Also handelt es sich nicht um eine Geschichte? Ist aber Unendlichkeit die Summe oder endlose Reihung von Endlichkeiten? Nein, dieses Missverständnis warf Hegel schon der philosophischen Tradition seit der Antike vor. Die »Unendliche Geschichte« (Link , Link und Link ) ist also eine paradoxe – zumal den Namen des Autors spiegelnde – und gerade deswegen so schöne Geschichte: Fantasie schreckt nicht ängstlich an der konstruierten Grenze der Logik zurück, öffnet unbekümmert die Türen des Möglichkeitsraums, kreiert Geschichten, die Logik nur beschreiben, zerlegen, zerschlagen kann.

In der »Unendlichen Geschichte« ist diese schöpferische Fantasie Realität als das Land Phantásien (Link und wegen der Stellungnahmen Link und dann mal anders: Link ) und dieses wird bedroht durch das Nichts der Fantasielosigkeit. So wenig wird verlangt: nur die Erfindung eines neuen Namens für die Kindliche Kaiserin, etwas Umdenken und Neudenken. Und doch dringt das Nichts unaufhaltsam vor. Ist es nicht – wie auch Endes Buch »Momo« (Link ) – eine Parabel auf unsere Realität einer Konsumwelt, die gedankenlos die Lebensgrundlagen vernichtet, obwohl sehr wenig nötig wäre, dies zu verhindern?

Ohnehin ist das Buch voller Bilder, die uns in Phantásien spiegeln. Nehmen wir nur die drei magischen Tore (die schon als solche Symbole für das Durchschreiten und Überschreiten sind) zum Südlichen Orakel: Das erste, das Rätseltor, steht für Logik und Wissen und ist noch leicht zu überwinden. Das zweite aber ist das der wahren Selbsterkenntnis: Es kommt nur hindurch, wer es erträgt, in einem Spiegel sein inneres Wesen zu sehen. Das dritte, Erinnerung und Wille, verlangt gleichsam, sich selbst aufzugeben, bringt gleichsam den Tod. Dahinter hört man nur noch die »Stimme der Stille«.

Diese Stimme tut kund, dass das erlebende Ich nur virtuell ist, selbst nur Fantasie, Figur in einem Buch (ähnlich wie in Gaarders »Sofies Welt« und ein markantes Thema meiner Abenteuer), dreht somit die Realität um, verlangt zur Rettung, dass ein schöpferischer Mensch zu dieser menschlichen Schöpfung zurückfindet. Dies geschieht, und Subjekt und Objekt werden als Gegensatz aufgehoben. Die beiden Welten, so sagt die Kaiserin, zerstören sich gegenseitig oder machen sich gegenseitig gesund. Ein Schöpfer muss Teil seiner Schöpfung werden (das Motiv der Menschwerdung Gottes in Christus), und Bastian Balthasar Bux (Link sowie Link ) findet letztlich über die Identifikation mit der eigenen Schöpfung zu sich selbst: gleichsam der werdende Gott.

Bis es so weit ist, geschieht noch viel. So werden immer wieder Raum und Zeit und Kausalität überwunden: Etwa, wenn die von Atreju (Link und Link ) überwundenen Tore erneut einstürzen und doch schon seit Urzeiten zerstört sein müssen. Oder wenn es heißt, den Alten vom Wandernden Berg könne man nicht suchen: »Wenn es ihn gibt, werde ich ihn finden, und wenn ich ihn finde, wird es ihn geben« bzw. »Alles, was geschieht ..., schreibst Du auf?« Antwort: »Alles, was ich aufschreibe, geschieht.«

Ohnehin ist dieser Alte das Komplementär zur Kindlichen Kaiserin. Er ist nie an einem Ort, sie immer im Turm. Sie steht für die Kontinuität der Geschichte Fantásiens, er ist geschichtslos. »Zwischen« beiden schreibt sich die Geschichte selbst. Das, was sie bei ihm erfährt, ist letztlich die Aufhebung der Gegensätze, ist unendliche Verschachtelung, ist der Kreis der Wiederkehr, ist mystisches Denken, ist wie das Motiv der Möbiusschleife, wie die Rückkrümmung des Universums in sich selbst, um es mit Worten aus meiner Geschichte zu sagen.

Noch viele Seiten lang könnte ich die herrlichen Motive interpretieren. Etwa das Samenkorn, aus dem die Welt immer wieder neu entsteht. Oder der Löwe, der zwischen Leben und Tod wechselt wie das Aus- und Einatmen des Universums und zum Bild der Evolution gehört, nicht nur der Nachtwald Perelín. Das Bild von der in Geschichte geronnenen Zeit, das des Weges der Wünsche oder der Entscheidungstüren, die sich im aristotelischen Sinn öffnen, wenn man ein Ziel hat. Das Bild des Wassers des Lebens (Link ) und des offenen Universums, das immer neue Geschichten braucht.

Doch es sind zu viele Geschichten, um sie auf einmal zu erzählen, und zudem sollte man sie bei Ende lesen, dem ich herzlich für seine Fantasie danke und für seine Komposition. So manches habe ich aufgenommen (etwa erinnert mein Antwortenschürfer an Yor, in dessen Bergwerk Bastian die zerbrechlichen Sehnsüchte ergräbt). Auch habe ich (ebenso wie Gaarder in »Sofies Welt«) die Durchdringung von Buchwelt und Realwelt und das »Umkippen« etwa in der Mitte der Geschichte erneut verwendet und neu interpretiert. Bei mir ist es die »ausgewogene« Mitte, die auch so benannt ist: »Wendezeit« als mittleres Kapitel des mittleren Teils. Es ist die Wende mit dem Todeserlebnis, das zur Identitätsumkehr führt, zur Möglichkeit, dass dieser Zusammenbruch eine von beiden (oder beide?) Welten zur Fiebertraumwelt macht, und die Wende vom mehr fragenden zum mehr antwortenden Teil. Vordergründig ist es historisch bzw. philosophisch die Wende zur Neuzeit, die thematisiert wird.

Das Vordergründige, das Historische, das in diesem Sinn Geschichtliche aber gehört so nicht zu Endes unendlich reicher Geschichte, die belegt, dass Fantasie alle Grenzen überwindet und wohl doch unendlich ist!

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