| EVOLUTIONÄRE ERKENNTNISTHEORIE | ||
| Der Begriff der evolutionären Erkenntnistheorie kommt Im Spiegel der Möglichkeiten zwar nicht vor, wohl aber wird diese auf Konrad Lorenz zurückgehende Theorie im Grundsatz vertreten. Ja, indirekt kann man sie sogar im Buchtitel finden, denn das Werk, in dem Lorenz den »Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens« darlegt, betitelte er mit »Die Rückseite des Spiegels«. Er löste sich damit von der Erkenntnislehre Kants. Dieser hatte die platonische Ideenlehre und die cartesische strikte Trennung zwischen erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt in der alten Schärfe, die menschenunabhängige Wahrheiten voraussetzt, verifiziert: Die Dinge »an sich« kann der Mensch nicht erkennen, denn seine Erkenntnisfähigkeit hat Grenzen. Er besitzt bestimmte Formen der Anschauung und denkt in Kategorien. Die wesentlichen, wie Raum, Zeit und Kausalität, sind aber objektiv, unabhängig vom Beobachter, von vornherein gegeben (a priori). Konrad Lorenz bezweifelt das und hebt letztlich den Unterschied zwischen erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt auf, wenn er unterstellt, dass sich die Erkenntnis selbst in der Evolution, gleichsam in einem Spiegelungsprozess, herausgebildet hat: als Wechselwirkung! Wirklichkeit ist nicht gegeben, sondern eine (+/- konstante) Übereinstimmung zwischen Erleben und Erlebtem, gleichsam ein Zustand. Wirklichkeit ist nicht »dinglich«, sie ist ein zweckmäßiges Modell. Das Wissen um die Welt ist stammesgeschichtlich entstanden durch die Entwicklung eines Erkenntnisorgans, das selbst das Produkt dessen ist, was es abbildet. Das mag verwirrend sein, wenn man in Gegensätzen und statisch denkt, gleichsam in Henne oder Ei oder Hardware und Software. Doch geradezu selbstverständlich ist es, wenn man gleichsam beide als Partner oder Teilsysteme im Legeprozeß oder in der Datenverarbeitung sieht und zudem das Ganze dialektisch angeht. In diesem Sinn werden im Buch immer wieder Beispiele zum »Zeiten«, zur Raumerkenntnis, zur Entwicklung des Fühlens als zweckdienlicher und selektiver Signalverarbeitung, zur evolutionären Rückkopplung der Informationsverarbeitung, zum Urteilen als lebenserhaltender Erfahrung (die genetisch und kommunikativ weitergegeben wird) herangezogen. Die so gewonnene Erkenntnis kann aber – und dies geht über Lorenz hinaus – nach der These meines Buches auch die ursprüngliche Zweckdienlichkeit überwinden, weil das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile. Das ist wie eine Möbius-Schleife zurück zur Mystik, denn auch und gerade die Naturwissenschaft kann nicht den Anspruch erheben, sich selbst vollständig zu erklären. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie geht also, wenn man es wieder sehr sachlich formuliert, von der simplen Annahme aus, dass unsere Erkenntnisfähigkeit ebenso das Ergebnis der biologischen Evolution ist wie etwa unsere Fähigkeit zu atmen, und beides zweckdienliche Anpassungen an das sind, was wir »Umwelt« nennen. Nur hartgesottene Idealisten (und das scheinen 99,99 Prozent der Philosophen zu sein) verwerfen noch immer die Natürlichkeit des denkenden Dings namens Mensch, bauen noch immer auf eine übernatürlichen Vernunft, berufen sich bestenfalls auf Kant, der immerhin versuchte, die damaligen naturwissenschaftlichen (empirischen) Erkenntnisse zu einer »vereinheitlichende Theorie« zu integrieren: Sein transzendentaler Idealismus unterstellt nicht mehr, dass es die Ideale im platonischen Sinn als vollkommene Wahrheit gibt, die wir als solche durch vernünftiges Denken erkennen können. Kant geht vielmehr von der Anschauung und der nachfolgenden Begriffsbildung und Idealisierung aus. Er teilt auch nicht die bisherige, auch von Descartes vertretene These, dass wir die »Dinge an sich« erkennen können. Doch diese Relativierungen stoßen an eine wiederum absolute Grenze: Kant führt die »Denknotwendigkeiten« oder die Kategorien unseres Denkens ein (insbesondere Raum, Zeit, Kausalität), die nur auf absolute Grundwahrheiten oder Naturgesetze zurückgeführt werden könnten, die von vornherein (a priori) gegeben sind. Genau dies kehrt Lorenz 1941 in seinem Aufsatz »Kants Lehre vom Apriorischen im Lichte gegenwärtiger Biologie« Bei der naturwissenschaftlichen Theorie ist der »Passungscharakter« unserer Erkenntnis bedeutsam: So wie die Flosse zum Wasser passt oder das Huf zur Steppe, so passt unser Erkenntnisapparat auf unsere Umwelt (die nicht einfach Umgebung ist!). Auch hier drängt sich wieder Goethe auf mit seinem Bild: »Wär nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken?« Man kann auch vom Schlüssel-Schlüsselloch-Effekt sprechen, worin vielleicht mehr Dynamik steckt, wenn man nicht das Loch als gegeben ansieht, an das sich ein Schlüssel anzupassen hat, sondern im oben genannten Sinn an die Wechselwirkung denkt: Auch das Schlüsselloch evolviert, sodass beide Partner ihre gemeinsame und keineswegs absolute Realität herausbilden. Wo etwas ausgetauscht werden kann, Senden und Empfangen zusammenspielen (Signale, Reize, Reaktionen), besteht eine Entwicklungsmöglichkeit und »Welterkenntnis«. Wo Signale nicht zu Reizen führen oder Sensoren nicht stimuliert werden (um es technisch zu auszudrücken), wird nichts bewirkt, nichts entwickelt, gibt es letztlich keine Wirklichkeit. Das scheinbare Apriori ist ein individueller Eindruck, wird aber im Licht der Vererbung und anderer Formen der Informationsvermittlung zum stammesgeschichtlichen Ergebnis, zum Aposteriori. Es ist eine empirisch gewonnene Voraussetzung: Wir erleben die Welt in den Kategorien, die sich als die zweckmäßigsten herausgebildet haben. Dies wird im Buch u.a. mit dem »Zeitbaum« angerissen und hier unter dem Stichwort Raum-Zeit-Kausal-Welt. Das Spannende ist, dass Zweckmäßigkeit nun einmal ebenso relativ ist! Was für den Steinzeitmenschen zweckmäßig ist, ist es nicht unbedingt für uns, man denke nur an das alte Prinzip der möglichst starken Vermehrung. Insbesondere muss der mit Technik umgehende Mensch sich das zugehörige Überlebenswissen aneignen (und etwas mehr, weil es nicht nur um die Existenz gehen kann), wenn er nicht absolut unverantwortlich handeln will. Wir können nicht nur unsere Wirkwelt durch die Technik gewaltig ausdehnen – über den ganzen Globus, soweit es um die traditionelle »Mittlere Welt« geht, in den subatomaren Bereich der Mikrowelt und in den Weltraum hinein –, ohne unsere Merkwelt oder Erkenntnis mitzuführen: Genau das aber ist derzeit der Fall! Unsere Erkenntnisfähigkeit der mittleren Welt und unsere diesbezügliche evolutionäre Erfahrung führt zu Erkenntnisparadoxien im Mikro- und Makrokosmos, was noch harmlos ist, und zu globaler Zerstörungsgefahr, was wirklich nicht harmlos ist. Wir meinen noch immer, mit dem alten Evolutionsprinzip von Versuch und Irrtum arbeiten zu können und verändern viel schneller, als es das Komplementär in diesem gemeinsamen Werdeprozess verkraften kann. Die vormenschliche Evolution arbeitete mit gewaltigen »Versuchsmassen« in riesigen Zeiträumen und nahm und nimmt immer auch das Artensterben als Ergebnis in Kauf. Wollen wir so wieder zur nachmenschlichen Weiterentwicklung kommen, weil der Versuch mit uns gescheitert ist oder unsere Produkte Computer und Roboter übrig bleiben (siehe auch Evolu-Schose)? Wenn nicht, dann hilft uns keine Idealisierung des übernatürlichen Menschen, keine Flucht ins transzendente und völlig unbewiesene Jenseits. Wohl aber kann uns die evolutionäre Erkenntnistheorie helfen, genau das auf anderem Weg weiterzuführen, was sich Kant vorgenommen hat: Die Grenzen und Bedingungen unserer Erkenntnis und unseres darauf fußenden Handelns auszuloten. Und Hans Jonas, der auch an diesem Projekt arbeitete, hat die bisher beste Handlungsanweisung gegeben: Wer die Macht hat, hat auch die Verantwortung. Zur Verantwortung gehört es, möglichst alle Global-, Komplex- und Fernwirkungen unseres Tuns bestmöglichst zu prüfen und sich dann an der »pessimistischsten« Prognose zu orientieren und nicht leichtfertig dem Es-wird-schon-gut-Gehen hinzugeben. Das ist kein Kulturpessimismus und keine Technikfeindlichkeit, sondern ein simples Gebot der natürlichen Vernunft. Umso mehr sollte es eines der göttlichen Vernunft sein, wenn Sie noch immer am außernatürlichen Geist festhalten wollen. Zur Vertiefung verweise ich zunächst auf zwei Hausarbeiten: »Die Evolutionäre Erkenntnistheorie und ihre Konsequenzen für das Verhältnis von Biologie und Philosophie« unter Last but not least will ich einen Aufsatz von Rudolf Steiner über Goethes Erkenntnistheorie empfehlen |
Portal Lorenz Erkenntnis Evolution Kant Platon Idee Descartes Kategorie Raum-Zeit-Kausal-Welt a priori a posteriori Möbiusband Mystik Umwelt Welt Wirkwelt Merkwelt Jonas paradox Popper Riedl Ditfurth Evolu-Schose Goethe Steiner Evolutionäre Ethik Ureda Toter Link |
|
| edition tertium Bibliothek Ureda © 2001 Karl Josef Durwen |