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KANT, Immanuel  
wird oft verkannt. Denn gemeinhin gilt er als der bedeutendste deutsche Philosoph der Neuzeit, was ja stimmen mag.

Damit wird aber gern suggeriert, er habe die »wahre« Erkenntnis gewonnen und vertrete die »rechte« Lehre, was wohl nicht stimmt, außer für die unbeugsamen Idealisten, die ihre Meinung nach der alten selbstabdichtenden Glaubensmethode vertreten, statt sich um die Widerlegung (Falsifizierung) zu kümmern. Diese Methode – die ich wohlgemerkt nicht Kant unterschiebe, nur denen, die sich gegen die nach Kant aufkommende Evolutionslehre, die Systemtheorie, die modernen Erkenntnistheorien usw. immunisieren, statt sie zu diskutieren (was ja nicht heißt, dass diese neuen Erklärungen die »wahren« sind) – ist einfach: Die eigene Überzeugung ist, dass der Glaube an etwas letztlich Unbeweisbares Berge versetzt. Belegt einer, dass kein Berg versetzt wurde, wird dies lediglich als Beweis für dessen Glaubensschwäche interpretiert und noch zur eigenen Stärkung verwandt: Ungläubige können das gar nicht feststellen, denn es ist eine Glaubensfrage, die diesen mit ihren ungeeigneten Methoden nicht zugänglich ist.

Kant war eher ein Ungläubiger, denn er löste sich von der alten, auf Platon zurückgehenden Erkenntnistheorie, dass der Mensch die reine, naturunabhängige Wahrheit erkennen kann, wenn er nur mit seinem geistigen Auge, der Vernunft, gut hinsieht: Das Wort »erkennen« suggeriert ja dieses selektive Aufnehmen des schon Vorhandenen, so wie ich in einem alten Klassenfoto den Bernd erkenne. Kant war vielmehr der Überzeugung, dass wir die »Dinge an sich« nicht erkennen können, nur ihre Erscheinungen. Er wollte die Grenzen und die Bedingungen unserer Erkenntnis objektivieren (»Kritik der reinen Vernunft«, 1781, siehe dazu den Originaltext unter Link und eine Aufarbeitung von W. Kraus: Link ) wie auch die unseres moralischen Handelns (u.a. in der »Kritik der praktischen Vernunft« (1788), dazu und generell zu Kants philosophischen Hauptwerken Link von Stefan Kuske).

Erfahrungen sind nach Kant etwas Zusammengesetztes aus dem, was wir als Sinneseindrücke aufnehmen (»Stoff«), und dem, was wir schon vor jeder Erfahrung (a priori) wie ein Strukturmuster besitzen und hinzufügen (»Form«). Seele, Weltganzes und Gott sind nur so etwas wie oberste Klassen der Denkordnung: Seele als Totalität der inneren Erscheinungen, Weltganzes als Totalität der äußeren Erscheinungen und Gott als Totalität aller Erscheinungen. Er kam für die »Form« in seiner Transzendentalphilosophie Link bzw. Erkenntnistheorie Link aber nicht ohne Setzungen aus, speziell das Apriori (siehe dort). Er unterstellt Objektivität, Logik und Naturgesetze, an die sich sogar Gott halten müsse. Die Idee bleibt der Plan des Realen, und die Sonderrolle des Menschen außerhalb der Natur wird festgeschrieben – auch und gerade in seiner anthropozentrischen Ethik (siehe Kategorischer Imperativ). Diese idealistische Position aufzugeben, ist furchtbar schwer. Kant hätte es vielleicht mit dem heutigen Wissen vermocht, die »Selbstimmunisierer« können es aber nicht, verkennen lieber den Kant, der vielleicht auch im Spiegel der Möglichkeiten verkannt, ja von der impulsiven und tierliebenden Siri sogar einmal als Spinner bezeichnet wird, weil für ihn Tiere – wie noch immer in unserem Rechtssystem – nur empfindungslose und würdelose Sachen sind.

Denn Kants ethischer Ausgangspunkt war: »Alle Dinge haben einen Preis, nur der Mensch hat Würde.« Das heißt, alles Natürliche ist nach seinem Nutzen zu messen, nur der darüber stehende Mensch nicht. Kant trennt mit Descartes den Menschen in das sinnlich bedrängte, unfreie, niedere, tierische Wesen und den freien Geist, das moralische Subjekt, das weder weltlichem noch himmlischem Gehorsam verpflichtet ist, das selbst höchste Autorität ist. Somit ist der Mensch einzig dem Menschen verpflichtet. Das Glück des Menschen, egal wie es definiert wird, lehnt er als Kriterium einer Ethik völlig ab, zumal es ja von den Trieben des Körpers (mit)bestimmt wird, die es zu unterdrücken gilt. Logik und Konsequenz sind die Maxime. Könnte er mit einer kleinen Lüge das Leben eines Freundes retten -- so interpretiert er einmal seine Pflichtethik -- so dürfe er es doch nicht, weil jede Lüge eine Lüge und böse sei, mit jedem Abwägen und Abweichen das Prinzip verloren gehe.

Zu Kants Leben, Persönlichkeit und Werk sei vertiefend auf die zahlreichen Darstellungen im Netz verwiesen, von denen einige nachfolgend zusammengestellt sind. Kurz ist zu sagen, dass er am 22. April 1724 in Königsberg in einem pietistischen Elternhaus geboren wurde, dort seit 1740 zu studieren begann (Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften), Hauslehrer war, 1755 promovierte und 1770 – natürlich in Königsberg, der Stadt die er nie verließ – die Professur für Logik und Metaphysik erhielt. 1804 starb er in dieser Stadt.

Erstaunlich ist, dass er einerseits als weltgewandt, munter und witzig beschrieben wird (etwa von Herder), andererseits als extremer Pedant, bei dem jeder Gegenstand genau auf seinem Platz sein musste, sonst geriet er in Unruhe. Jede Störung stürzte ihn in Verzweiflung, jede Handlung glich einem Zeremoniell (so etliche Beschreibungen von seinem Hausdiener). Aber vielleicht erklärt sich dies, wenn man einerseits in den jungen und den alten Kant differenziert und andererseits über seinen »Willen zur Pflicht« nachdenkt: Der höchste Ausdruck menschlicher Freiheit in einer vollständig determinierten Natur -davon ging er zwingend aus - ist es, sich selbst in die Pflicht zu nehmen, nicht von äußeren Kräften gezwungen zu werden.
Pflicht - die auf die Stoiker zurückgehende »zukommende Handlung« (siehe Link , Link , Link und speziell Link ) - und Ordnung müssen sein. Also will Kant täglich um exakt 4.45 Uhr aufstehen, von 7 bis 9 Vorlesungen halten, pünktlich jede Mahlzeit einnehmen, um 19.00 Uhr genau acht Auf- und Abgänge (mit gleicher Schrittzahl) auf der Lindenallee absolvieren, gleichgültig ob Sturm oder Gewitter, Sommer oder Winter, so dass die Königsberger die Uhr nach ihm stellten. Er will um 22.00 Uhr zu Bett gehen und dabei in einem festen Ritus die Bettdecke um seinen Körper legen. Von einer Pflicht kann man nicht willkürlich abweichen. Nicht im Großen und nicht im Kleinen. Kants dualistischer Geist will es so, und sein Körper hat zu gehorchen, zumal dieser von Geburt an klein und schwächlich und etwas verwachsen ist und der Geist der Überzeugung, durch die genaue Einhaltung der selbst gewählten Regeln die Gesundheit zu erhalten und die Konzentration auf seine Lebensaufgabe zu bewirken. – Oder versklavte er sich einer Idee?

Zwar tragen etliche Schulen den Namen Immanuel Kants, doch nur wenige bieten auch Informationen zu ihrem Namensgeber, auf die man verweisen kann. So unter »Biographisches« das Kant-Gymnasium in Madgeburg Link oder mit umfangreichen Links zur Philosophie das von Weil am Rhein Link (etwas versteckt unter Fächer-Philosophie) sowie – mit einigen fiktiven aber netten Szenen aus seinem Leben – das Kant-Gymnasium in Hamburg Sinsdorf Link . Einen guten Überblick bietet die Schulhilfen-Community unter Link . Recht viel zu Kant findet man auch auf Wolfgang Sieberts Philosophie-Seite, auch wenn es sich bei dem um einen Lehrer am Johannes-Kepler-Gymnasium in Garbsen handelt: Link .

Wer am Schrifttum von und über Kant und allem drumherum interessiert ist, der wird sicher bei der Kant-Forschungsstelle der Universität Mainz unter Link fündig. Am umfangreichsten ist wohl »Kant Online«, die Seite des Instituts für Philosophie der Philipps-Universität Marburg unter Link mit Primärtexten, Links, Literaturhinweisen und all dem, was ich hier nicht noch einmal zusammentragen muss. Lieber lese ich etwas von den dort eingescannten Artikeln des vielseitigen Kant in den Berlinischen Monatsschriften, wo er sich etwa mit den Vulkanen auf dem Mond oder dem Einfluss des Mondes auf die Witterung ebenso beschäftigt wie mit dem Anfang der Menschengeschichte oder dem Ende aller Dinge. – Oder ich mache acht Auf- und Abgänge, denn es ist 19.00 Uhr (und dann will immer mein Hund raus, wenn wohl auch nicht aufgrund einer Selbstverpflichtung).


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