http://www.ureda.de 
Suche in der Bibliothek
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Ü Y Z Ö

BEWUSSTSEIN  
ist -- ähnlich wie das Leben -- für uns ebenso selbstverständlich wie unerklärlich. Sicher ist es weit mehr als das Unbewusste und nicht das Gegenteil von Bewusstlosigkeit, wie Alltagsformulierungen suggerieren, die sich mehr am psychologischen oder medizinischen Verständnis als am philosophischen orientieren.

Im Spiegel der Möglichkeiten spielt die Frage nach dem Bewusstsein im Allgemeinen und dem Selbstbewusstsein im Besonderen eine zentrale Rolle. Ist Bewusstsein nur ein synchronisierter Zuschauer in uns, der determinierten Körpermaschine, oder ist gar umgekehrt die Welt nur Ausfluss unseres Bewusstseins? – Wer das fragen darf, ist schon bewusstes Sein. Und dieses bewusste Sein sollte nicht abgelöst werden von dem, was der Begriff Bewusstsein, die conscientia, ursprünglich noch nicht scharf unterschied: »Bewusstsein« im engeren und »Gewissen« im weiteren Sinn. Dieses ethische Kleid ist noch immer wie ein Unterrock verborgen, denn jedes Bewusstsein ist Meinung. Es ist immer die Meinung über ein Verhältnis: dasjenige zwischen Subjekt (»Ich«) und Objekt (die mir entgegengestellte »Welt«). Etwas ins Verhältnis zu setzten, heißt aber letztlich, in Wert setzen.

Der Spalter und Begrenzer Descartes reduzierte diesen alten Doppelsinn. Und so ist der heute gebräuchliche Wortsinn von Bewusstsein im Allgemeinen ein Sammelbegriff für Sinneszustände, Wahrnehmung, Fantasie, Erinnerung und Denken. Setzt sich aber das menschliche Bewusstsein in das ganz spezielle Verhältnis zu sich selbst, so resultiert eine Spiegelung, die zum Prozess wird, aus dem das bewusst werdende Selbst erst als solches hervorgeht. Das klingt etwas paradox, doch nur, weil wir die Zeit und damit die Kausalität zu statisch sehen. Doch nicht das Werden, die Evolution, ist so kausal und statisch, sondern unser Vokabular, das dieses vermeintliche Ding dann Selbstbewusstsein nennt und sich sehr viel leichter mit ebenso statischen Erklärungen tut, die man als Schöpfungsakte kennt.

Und noch eines sieht unser jeweiliges Ich in seiner platonischen Prägung, mit seinem rein kantischen Geist und falsch verstandener Individualität zumeist nicht: Das Entstehen von Bewusstsein ist ein Phänomen, das nur in Wechselwirkung mit anderen Gehirnen entstehen kann (dazu auch Link ). Somit ist es Teil des sozialen Miteinander, das Individuen voraussetzt, nicht Maschinen oder Gleichgeschaltete wie die Borg. Bewusstsein ist eine Entfaltung der biologischen und kulturellen Evolution und immer relativ.

Eine gute Basis zum Thema legt die Mauthner-Gesellschaft unter Link und auch Thomas Metzinger von der Universität Mainz geht unter Link und Link das Bewusstsein von der philosophischen Seite her an. Ansgar Beckermann fragt dagegen nach der neurobiologischen Erklärbarkeit Link .

Empfehlenswert ein Kurs-Text der Deutschen Schülerakademie Link . Gut führt auch eine studentischen Gruppenarbeit in das Geist-Gerhirn-Problem ein: Link .

Hundert weitere Artikel sind zu finden, desgleichen umfangreiche Theorien (etwa: Link ) und viele Bücher Link . Dabei will ich das von Julian Jaynes Link herausheben: Seine Frage (und die Antwortbilder) nach dem Ursprung des Bewusstseins sollte in diesem Zusammenhang unbedingt herangezogen werden.

Aber werden wir je die Antwort finden? Ich denke nicht vollständig, weil kein Ding - oder sagen wir System - über sich selbst zuverlässige Aussagen machen kann, also auch das Denken nicht über das Denken.

Die enge Kopplung von Bewusstsein und körperlichem Sein und dessen Fühlen wird heute in Abkehr vom reinen Idealismus erkannt (u.a. Link ), so dass Antonio R. Damasio sehr schön titelt: »Ich fühle, also bin ich« (dazu Rezensionen von Ulrich Schnabel Link und von Wolf Pohl unter Link ). Auch für Gerhard Roth ist Bewusstsein eine Frage der Verknüpfung und der Evolution, wobei er die neurobiologische Sicht behandelt. (Da der Link, den ich hier zitierte nicht mehr existiert, verweise ich auf Link und seine Bücher Link ).

Roth geht davon aus, dass es verbreitet zwei gegensätzliche Standpunkte gibt: Für diejenigen, die glauben, dass unstofflicher Geist bzw. Bewusstsein und materielles Gehirn zwei grundsätzlich verschiedene Wesenheiten repräsentieren (Dualisten), kann es keine gemeinsame Evolution von Geist und Bewusstsein geben, höchstens eine Evolution des Gehirns und einen Zeitpunkt in der Evolution, an dem sich der Geist bzw. das Bewusstsein mit dem Gehirn verband. Ist jedoch in der zweiten Sicht das Bewusstsein eine Eigenschaft des Gehirns, so hat es sich auch evolutionär entwickelt und wird dies auch weiterhin tun. Und da nicht anzunehmen ist, dass es in dieser Entwicklung ganz radikale Sprünge gab, bedeutet dies auch, dass Tiere gewisse Formen des Bewusstseins kennen. Dies ist ein Aspekt, den die anthropozentrische Ethik endlich würdigen und dann auch, über Tiere und Pflanzen hinaus bis zu einem ganzen System fortschreitend, bedenken sollte. Vielleicht tut sich dann die Philosophie leichter, für die Bewusstsein schon immer ein Problem war Link .

Die spannendste Frage ist natürlich: Brauchen wir überhaupt Bewusstsein? Auch hierzu kann man platonische und religiöse Theorien entwickeln, und das hat die Menschheit seit Jahrtausenden äußerst gern getan. Doch erhalten wir – wenn wir mit Wendur in Ureda graben – auch eine mögliche Antwort, wenn wir die Eigentümlichkeiten unserer bewusst erlebten Welt untersuchen. Denn in dieser phänomenalen Welt, wie sie genannt wird (also in unserer Wirklichkeit), kommen mein eigenes Gehirn und meine eigenen Sinnesorgane subjektiv gar nicht vor, scheinen nicht zu existieren: Wir erleben gleich »die Welt«, doch nichts von der unglaublichen Arbeit, die etwa mein visuelles System leistet, wenn ich einen Gegenstand erkenne. Vielmehr scheint die Sehwelt direkt vor mir zu liegen, bzw. scheinen die Seheindrücke unmittelbar in mein Bewusstsein zu dringen. Und ganz analog meinen wir, dass der Wille unseren Körper direkt antreibt, und haben keinerlei Wahrnehmung davon, was unser motorisches System leistet, damit ich mich – um ein nicht unwichtiges Beispiel aus den Abenteuern aufzugreifen – am Kopf kratzen kann. Ja, so die neuen Erkenntnisse, der Körper »betrügt« uns sogar um die Zeit, indem das motorische System Ereignisse rückdatiert: Da Schmerzempfindungen beispielsweise in der Zuleitung länger brauchen als optische Wahrnehmungen, »wartet« das Gehirn bei einem Stich etwa eine halbe Sekunde, bis die Schmerzen da sind. Erst dann lässt es den Stechvorgang auch erkennen und bewusst werden, um in der Parallelisierung eine gemeinsame »Realität« zu geben und Verwirrungen hinsichtlich Ursache und Wirkung vorzubeugen. Unser Bewusstsein ist also nie wirklich im sprichwörtlichen Augenblick gegeben. Experimente von Benjamin Libet (Link , Link , Link , Link und vertiefend Link ) erbrachten sogar den sicher erschreckenden Befund, dass etwa eine Drittelsekunde bevor der wir eine Bewegung ausführen wollen, schon die entsprechenden Hinströme die Bewegung aktivieren: Meinen wir nur zu wollen, was wir tun müssen? Ist Wille nur Illusion?

Ohne hier weiter interpretieren zu wollen, ist der Sachverhalt wohl folgender (wobei ich, wie im Buch die EDV-Sprache heranziehe, weil sie heute verständlich erscheint): Es arbeitet unser »Ich« mit einer Benutzersprache, ohne zu wissen, wie es in der Maschinensprache die Steuerung macht. Und das, so Roth, ist die nüchtern-zweckmäßige (ich meine dennoch fantastisch reiche) Erklärung: Die ursprüngliche Rolle des Bewusstseins ist es, die im Lauf der Evolution ständig steigenden Anforderungen an die Handlungsplanung, Vorstellung, komplexe soziale Interaktion und das strategische Denken zu bewältigen, indem die Welt »virtuell« wird: Ein virtueller Akteur, ein Ego, plant, handelt und kommuniziert, ohne sich um die tatsächlichen Ausführungsbestimmungen kümmern zu müssen. »Erst die Erfindung dieser phänomenalen Welt und des Ich ermöglichten ein Überleben in einer komplexen, stark fluktuierenden biologischen und sozialen Welt, in der zum Beispiel wir Menschen leben.« Es ist eine Geschichte ähnlich derjenigen, die ich im Buch zum Zeiten erzähle.

Fragen darf sich unser bewusstes Sein natürlich (das meine ich wörtlich), ob es der (notwendige) Werdeprozess des Geistes ist oder der Verlust aller Realität? Ebenso aber auch, ob sich so nicht das Ganze spiegelt, das ich in den Abenteuern den »werdenden Gott« nenne, der (oder das) mehr ist als Möglichkeit und mehr als alle (physischen) Wege der Evolution?


  Portal

bewusst sein
Determinismus
Descartes
Fantasie
Denken
Sein
Spiegel
paradox
Kausalität
Raum-Zeit-Kausal-Welt
Evolution
Platon
Kant
Individualität
Idealismus
Popper
Borg
Subjekt
Objekt
Gehirn
Dualismus
System
Ich
Zeit
Ursache
Wirkung
Spiegel
Ethik
Anthropozentrik
virtuell
Realität
Wille
Illusion

Ureda


Toter Link

edition tertium Bibliothek Ureda © 2001 Karl Josef Durwen