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FREIHEIT  
Freiheit heißt wählen können. Der Stein kann nicht wählen, ob er in der Luft schweben oder auf den Boden fallen will, die Pflanze nicht, ob sie zum Licht oder von ihm weg wachsen soll, der Wurm nicht, ob er kriechen oder laufen möchte, der Mensch aber kann wählen, ob er das hier lesen oder lieber auf den Fußballplatz gehen oder »Halt! Stopp!« rufen will: Denn kann man das so stehen lassen? Werden nicht Äpfel mit Birnen verglichen?

Sicher werden sie das, und daran ist nichts auszusetzen. Wie sonst will ich die Unterschiede feststellen? Würde man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, so blieben die Eigenarten verborgen, würden letztlich beide Kernobstarten ununterscheidbar. Also ordnen wir zur Differenzierung in »Freiheit von« und »Freiheit zu«.

Von dem, was man Notwendigkeit nennt, von dem, was eben nicht wählbar ist, kann sich der Mensch so wenig befreien wie der Stein: Auch wir fallen mit der Schwerkraft gnadenlos zu Boden, sofern wir nicht trickreich durch Technik die Eigenschaften anderer Dinge (Gleitschirme, Antriebsaggregate usw.) nutzen, um es zumindest lange hinaus zu zögern.

Auch wir brauchen das Licht, können uns nur gemäß unseren körperlichen Fähigkeiten fortbewegen und nicht selbst entscheiden, ob wir erkranken oder jünger werden oder nicht sterben wollen. Wir können nur - wieder durch Technik und damit dem Nutzen anderer Dinge - eventuell die Krankheit heilen, die optische Erscheinung beim Schönheits-Chirugen manipulieren und ggf. das Leben verlängern lassen. Aber ob wir diese Eingriffe wollen oder nicht, das können wir entscheiden, das ist unsere Wahlmöglichkeit, ist die Freiheit zu tun oder zu lassen.

Diese Freiheit, diese Willensfreiheit ist es, die das Menschsein im Kern ausmacht. Sie ist untrennbar verknüpft mit irren, mit falsch und richtig, auch mit schuldig werden und verantworten; sie ist der Gegenstand der Ethik.

Doch beide Arten der Freiheit laufen parallel: Denn die Zahl der Möglichkeiten wird größer, je mehr Abhängigkeiten überwunden werden. Die Freiheit »von« schafft erst die Freiheit »zu«. In diesem Sinne wuchsen die Freiheitsgrade gleichsam in der Evolution: Rein physikalisch gibt es nahezu nur äußere Zwänge, nennen wir sie Naturgesetze (auch wenn sie von Menschen erdachte Modelle zur Beschreibung der Natur sind). Chemisch erschließen sich schon viel mehr Alternativen und Varianten des Lösens und Bindens und Reagierens und Vermittelns und auch Agierens. Biologisch lässt das Leben den Raum der Möglichkeiten gewaltig expandieren und durch die Hervorbringung dessen, was wir Geist nennen, explodiert er geradezu.

In diesem Befreiungsprozess, der uns denkende Dinger aber auch aus dem Paradies der Unschuld wirft, uns verantwortlich macht und damit an uns selbst kettet, ging noch eines parallel; nämlich die Entwicklung zum Ich. Die Freiheit der Pflanzen, wenn wir sie so nennen dürfen – und ich meine ja, denn letztlich schafft die Natur selbst ihre Spielregeln durch Versuch (und das ist aktives Nutzen von Möglichkeit) und Irrtum ist unter anderem die, sich als Art »den rechten Standort zu suchen«. Im deterministischen Sprachgebrauch unserer Biologie würde es natürlich als rein passive Anpassung an Umweltbedingungen dargestellt. Dabei regeln sich Ökosysteme selbst, organisiert das Leben sich seine Räume; man denke nur an einen Wald mit eigenem Klima, eigenen Bodenformen und vielen Stoff-, Energie- und Informationskreisläufen. Doch im Pflanzenreich bestimmt die genetische Information nahezu alles im Wechselspiel mit der Umwelt. Gleichsam wie eine Art Wollen oder Entscheiden, unabhängig vom Individuum.

Bei den Tieren sprechen wir vom steuernden Instinkt. Doch je mehr Freiheitsgrade durch Bewegung, Anpassungsmöglichkeit usw. gegeben sind, um so stärker muss auch das einzelne Tier seinen eigenen Weg und Partner finden, sein Jagdgeschick beweisen, ständig im Rahmen der Möglichkeiten die spontanen Entscheidungen treffen. Von anonymen Völkern über Herden, Schwärme und Rudel hin zu Familien werden dabei zugleich individuelle Beziehungen immer stärker und manche Spitzen der Nahrungspyramiden sind sogar Einzelgänger.

Der Geist fiel nicht vom Himmel und zeigt sich, wie im Spiegel der Möglichkeiten immer wieder aufblitzt, schon lange vor dem Menschen in dieser Evolution, die ganz zuletzt zur kulturellen und technischen wurde. Und das, was wir als die Freiheit der Person verstehen, entstand in unserem Kulturraum (trotz der antiken Vorläufer) eigentlich erst im 13. Jahrhundert. Staatstragend wurde diese individuelle Freiheit mit der amerikanischen und französischen Verfassungsgeschichte.

Seither stellen sich auch die Fragen der Ethik neu, nämlich als Individualethik in einer heute globalisierten Welt. Jede eigene Freiheit in dieser Welt ist eine in der Beziehungen zu anderen – freien – Menschen. Freiheit kann nicht sich selbst genügsame Unabhängigkeit sein, erst recht nicht ungebundene Willkür. Freiheit ist ein Relativbegriff; er bezieht seine Berechtigung nur aus dem Vorhandensein von Grenzen. Vollkommene Freiheit ist paradox. Sich diese Begrenzung aber nicht aufzwingen zu lassen, sondern sie selbst willentlich zu setzen, das ist mit Kant der höchste Grad der Freiheit.

Zwei Freiheiten habe ich mir hier genommen:
Erstens: Einige interne und externe Links anzuhängen, statt sie in den Text zu zwingen.
Zweitens: Eine kleine Geschichte anzuhängen, deren Titel ich bewusst wie eine Rechenaufgabe formuliert habe, wohl wissend, dass in der Mathematik keine Freiheit herrschen kann und nur der subjektive Geist den Freiheitsraum bestimmt.

Intern: Siehe unter Kapitalismus, kategorischer Imperativ, Lebensgeister, Mensch, Zufall
Extern:
- Eine lexikalische Definition: Link
- Die Konkretisierung von Willensfreiheit Link
- Aus dem katholischen Morallexikon: Link
- Dazu ein Originaltext von Martin Luther Link
- Gedanken zur »inneren Freiheit«: Link
- Ist Willensfreiheit Illusion?: Link , Link , Link und nicht zuletzt Link
- Willensfreiheit und Determiniertheit: Link , Link und Link
- Freiheit, Wille und Möglichkeit: Link
- Naturalistische Sicht und Willensfreiheit: Link
- Kant zur Freiheit: Link
- Willensfreiheit nach G. E. Moore: Link
- Schelling zur Freiheit: Link
- Hobbes und Rousseau zur Freiheit: Link
- Ethik als Freiheitslehre: Link
- Zur Verfassung der USA: Link und Erklärung der französischen Nationalversammlung von 1789: Link
- Noch einige Zitate: Link

(2+2)-2 = frei
Ich wollte dir ja noch die Geschichte von dem Häftling erzählen. Aber eigentlich wäre es besser, du könntest sie selber lesen; denn ein Mitgefangener hat sie aufgeschrieben. So muss es ganz unglaublich klingen: Aber die machen ja oft die tollsten Sachen!

Also, dieser Häftling, Kronberg oder Kronbach hieß er, saß schon acht Jahre. Und dann drehte er wohl durch; denn erst machte er tagelang Radau, schrie, er wolle mehr Freiheit, wolle mehr Raum.

Später, als er in Einzelhaft gebracht worden war, kratzte er – mit einem Topf, glaube ich - von allen Zellenwänden den Verputz herunter. Innerhalb einer Nacht schabte er von allen vier Wänden die oberste Schicht, bestimmt zwei Zentimeter, ab. Wie verrückt muss der Mann gearbeitet haben! Überleg\' dir das mal!

Ja, und morgens, als er fertig war, da weinte er und stammelte immer wieder: »lch bin frei! Ich bin frei!«Als sie ihn dann aus der Zeile holen wollten, die war ja völlig demoliert, da schrie er wie ein Tier und war kaum zu bändigen. Dabei wollte er nur in seiner zerkratzten Zeile bleiben; denn er war überzeugt, dort frei zu sein.

Sie haben ihn dann in die Psychiatrische gebracht: Hat völlig durchgedreht! Und ein Mitgefangener hat eine Geschichte daraus gemacht und an eine Zeitung geschickt. - Schade, ich hätte sie ausschneiden sollen dann hättest du sie selbst lesen können.



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