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CHAOS  
so sagen die Mythen, ging dem Kosmos voraus. Im Chaos scheint der Zufall zu herrschen. Zufälle aber passen nicht zu einem planenden, schaffenden, vernünftigen Gott, dessen Welt – der Kosmos – geordnet zu sein hat. Und seit die Menschen mit Descartes, Laplace, Galilei und Newton meinten, diesem rationalen Gott in die Baupläne schauen zu können, hatten der alte Zufall und erst recht das uralte Chaos gänzlich abzudanken. Bis, ja bis man bemerkte, dass Turbulenzen, Strukturbrüche, Instabilitäten und schlagartige Phasenübergänge nicht nur in Kindergärten, Parlamenten, Wirtschaft und Gesellschaft alltäglich sind, sondern auch in biologischen und physikalischen Systemen.

Ging man mit Laplace bis in jüngster Zeit davon aus, dass alle Vorgänge in der Welt wenigstens prinzipiell vorhersagbar sind – mit der Folge, dass man irgendwann einmal auch das menschliche Verhalten voraussagen kann, wenn Daten und Rechnerkapazitäten ausreichen –, so erschütterte diese Grundauffassung zunächst die Quantentheorie für die mikroskopische Welt: Man kann, so die neue – und für eingefleischte Deterministen immer noch falsche, zumindest resignierende – (Schein-) Erkenntnis, für die subatomare Welt nur noch Wahrscheinlichkeiten angeben. Zumindest gilt das für jedes Einzelne dieser Nichtdinger oder Wandelzwitter, wie sie Im Spiegel der Möglichkeiten (etwa bei der Atomolympiade) genannt werden. Für das Kollektiv sieht es anders aus, für dieses gilt die sehr hohe Wahrscheinlichkeit, die wir landläufig »Naturgesetz« nennen.

Individualität unterstellten wir – trotz deterministischer Auffassung, die es auch hier gab und gibt – für das menschliche Verhalten schon längst. Aber darf es neben einem nicht voll berechenbaren, weil freien Menschen auch eine unberechenbare (wer wagt von Freiheit zu reden!) Natur geben? Nun, zwangsläufig billigte man der Welt der Elektronen, Photonen und Quanten solche Unschärfen zu, gewöhnte sich an komplementäre, unlogische Deutungen. Doch was haben die mit unserem Alltag zu tun, in dem wir so gern über das Wetter reden?

Auch das hoch komplexe Wettergeschehen hat man durch immer ausgreifendere Beobachtungen, immer bessere Modelle und leistungsfähigere Rechner zunehmend im Prognosegriff. Und plötzlich erzwingt die winzige Nachkommaveränderung eines Parameters (der so genannte Schmetterlingseffekt) eine ganz andere Prognose. Edward Lorenz heißt der Mensch, der 1963 den Mut hatte, darin keinen Fehler, sondern eine prinzipielle Grenze der Berechenbarkeit von Systemen zu erkennen (Link und Link , Link ). Danach wusste man es schon immer, sogar von so einfachen Systemen wie der Pendelbewegung, die doch Jahrhunderte lang scheinbar brav Newton gehorcht hatten, sich plötzlich aber chaotisch – also unberechenbar, unvorhersagbar – verhielten. Diesen Chaos-Begriff, der schnell Karriere machte, weil wir doch als einzig vernünftige Wesen ständig von Chefs und Kollegen und Mitarbeitern und Kindern und anderen Chaoten umgeben sind, führte 1975 James A. Yorke in die klassische Physik ein (Link , Link , Link ). Seine provokante und inzwischen oft belegte These: »Chaos ist überall, es ist stabil und es besitzt eine Struktur!«

Erkannt wurde, seit man es sehen will, dass Gleichgewichtszustände in der Natur die Ausnahme sind, Ungleichgewichtszustände aber die Regel: Wir suchten die platonische Harmonie, dachten sie in die Natur hinein (oder jetzt wieder das Chaos?). Letztlich, so wissen wir heute (für wie lange?), muss – physikalisch – ein winziges Ungleichgewicht von 0,0028 den ganzen Kosmos verantworten (wer dazu und zur Verantwortung und dem ganzen Rest mehr wissen und sich dabei noch unterhalten will, dem empfehle ich selbstlos die philosophischen Abenteuer).

Vorbei die Hoffnung, es gehe nur um Mängelbeseitigung: Probleme der Vorhersagbarkeit sind grundsätzlicher Art. Gott (so er noch abseits von Metaphern gebraucht wird) würfelt, auch wenn Einstein es nicht wahrhaben wollte, aber dennoch nicht Angestellter eines Spielkasinos wurde. (Falls Sie diese Anspielung nicht verstehen, empfehle ich Ihnen ebenfalls mein Buch, ansonsten erst recht.) Vielleicht spielt dieser dann viel menschlichere Gott sogar am Flipper: In diesen Dingern rollen Kugeln, und deren Bewegungen sind so früh und so gut wie kaum etwas anderes in der neuzeitlichen Physik ermittelt, beschrieben und in Gesetze der Mechanik gefasst worden. Alles ist den Deterministen wohl bekannt an diesen von der Schwerkraft beeinflussten Bewegungen mit den elastischen Stößen. Und dennoch, so sagt die Chaostheorie, wird es nie gelingen, ein Spiel vorauszusagen. Zum Glück, denn wo blieben Spannung und Spielwitz?

Ich denke, für unsere heutige Bewegung am Rande des Chaos wird es überlebensnotwendig sein, das Chaos zu verstehen. Nicht in der Hoffnung, es beseitigen zu können, sondern in der, wieder Schmetterling zu werden. Es geht nicht um statische Zustände, sondern um Prozesse, nicht um Sein, sondern Werden. Chaos gehört zum Verständnis des Werdens im Spiel von Zufall und Notwendigkeit, zum Verständnis einer Reise im sich öffnenden Möglichkeitsraum.

Eine verständliche Einführung in die Chaostheorie ist auf der Chaos-Projetseite unter Link sowie im Referat von Philipp Klenkhart zu finden Link wie auch bei Andreas Stein Link . Als Einführung brauchbar ist auch – trotz der allzu vielen Klickerei – Link . Die Hintergründe (Abkehr vom Determinismus) spricht Link an.

Vieles bietet der populäre Buchmarkt. Etwa von John Briggs und F.D. Peat »Die Entdeckung des Chaos«. Eine Menge weiterführender Links und Infos werden angeboten unter Link . Eine empfehlenswerte Schulseite bietet das Canisianum in Lüdinghausen (Link ). Auch zu diesem Thema wieder einmal mit philosophischem Hintergrund sehr empfehlenswert ist Annettes »Philosophenstübchen«: Link . Zum Thema Chaosforschung und Computernetze gibt es einen Artikel unter Link und ebenfalls an dieser TU eine Facharbeit von Johannes Schmid zu chaotischen Phänomenen Link , die für meinen chaotischen Geist leider schon zu viel mathematische Struktur besitzt.

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