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CHINESISCHES ZIMMER  
Chinesische Zimmer gibt es in China millionenfach. Und in mindestens einem dieser Zimmer hängt gewiss ein Spiegel der Möglichkeiten, in dem sich Virtualität und Realität vertauschen.

Um einen Austausch in Form der Übersetzung chinesischer Schriftzeichen geht es in dem virtuellen, gleichnishaften Zimmer, das sich der amerikanische Sprachwissenschaftler und Philosoph John R. Searle (Link ) ausdachte, um seine Überzeugung zu veranschaulichen: Selbst Computer, die den Turing-Test bestehen, wären nicht intelligent. Searle ist nämlich, wie unter dem Stichwort Cyborg gesagt wird, einer der letzten Amerikaner, die künstliche Intelligenz nicht einfach mit menschlicher in einen Topf werfen, auch wenn er argumentativ leider auf den überholten Dualismus zurückgreift. Dennoch ist sein Buch »Geist, Gehirn, Programm« empfehlenswert, wie auch der Besuch der Page Link von Martin Voggenberger mit einer Darstellung des Searle-Gleichnisses, vielen weiteren Texten zum Gödel-Theorem und überhaupt zum Thema Bewusstsein und Erkenntnis. – Das Zimmer-Gleichnis geht (vereinfacht, denn Searle lehnt sich exakter an das Prinzip der Turing-Maschine an, deren Kenntnis hier nicht vorausgesetzt wird) so:

Searle, der kein einziges Wort Chinesisch versteht, sitzt mit englischsprachigen Handbüchern in einem Raum und erhält eine Folge ihm völlig unverständlicher chinesischer Zeichen. In den Handbüchern kann er nachschlagen, wie er mit jedem einzelnen umzugehen hat, und erhält damit eine ihm verständliche Anweisung. So kann er Zeichen um Zeichen die Ketten abarbeiten, wobei die entschlüsselten Ketten wieder Anweisungen enthalten können, was mit den nachfolgenden zu geschehen hat. Das ausgegebene Ergebnis ist eine chinesische Zeichenkette. Draußen – ohne dass Searle es weiß – steht ein (Fach-) Chinese, der erstaunt ist, weil er ein chinesisch geschriebenes Programm, eine chinesisch geschriebene Geschichte und eine chinesisch geschriebene Frage dazu ins Zimmer gab und eine ihm verständliche, chinesisch geschriebene und sinnvolle Antwort erhielt. Dieser unterstellt zumindest, dass derjenige im Zimmer Chinesisch kann, und setzt auch Intelligenz voraus. Searle aber verstand weder die Bedeutung der Wörter noch der Geschichte noch gar den Sinn des Vorgangs, den er rein mechanisch – also ohne entsprechendes Bewusstsein – abarbeitet. Der Turing-Test ist also, so Searles Aussage, zu bestehen, obwohl es »in der Maschine« keinerlei Verständnis gibt.

Searle lehnt sowohl die Behauptung ab, Intelligenz entspringe dem Funktionieren der Hardware (hier v.a. in der Person des »dummen« Searle), als auch die, die Software (die einzelne Handlungsanweisung) sei »intelligent«. Und ich denke, er hat Recht. Viele meinen nun, Searle baue damit eine geradezu metaphysische, unwissenschaftliche Vorstellung auf, ähnlich der von der Lebenskraft oder der Seele. Sie entgegnen u.a. (wie man nicht zuletzt in der schönen Ausarbeitung von Raimo Ihle unter Link nachlesen kann), natürlich könne man Verständnis nicht an irgendeiner Stelle in der Maschine lokalisieren (z.B. in John Searles Person), doch das ganze System samt Regelwerken (Handbüchern), Datenträgern (Zetteln), Schreibvorgang usw. sei ganz nüchtern ein sinnvolles, letztlich als Verständnis erklärbares Zusammenspiel. Ich meine, sie haben Recht.

»Stopp!«, schreit jetzt Iris, »wie kannst Du der These zustimmen und der Antithese zugleich?« – Nun, weil ich lieber allen Recht als Unrecht gebe, analog dem halb vollen statt halb leeren Glas. Es wird – egal von welchem Standpunkt ich den Streit betrachte – vergessen, dass Verständnis oder gar Bewusstsein nicht nur aus Einem hervorgeht: Jedes Verständnis braucht etwas, das zu verstehen ist, jedes Selbst braucht dazu ein anderes. Doch ist auch nichts ohne Verlust abtrennbar. Selbst das Ganze kann sich nur dank seiner Glieder erkennen. Betrachtet man das System als ein Ganzes, zugleich aber wieder in Systeme gegliedert, so gibt es ein Gegenüber in sich selbst, die Möglichkeit der Rückkopplung, die man als Beobachtung interpretieren kann. Und auch diese Beobachtung kann wieder von anderer Reflexionsebene aus beobachtet werden. Somit ist zu folgern, dass unsere menschliche Intelligenz nicht von der auch stofflichen Einheit und gemeinsamen Genese dessen, was wir verbal in Geist und Materie differenzieren, gertrennt werden kann.

Auch Computern und anderen Wesen, ich denke an die Gums, darf man Intelligenz nicht absprechen, doch es ist nicht »unsere« Intelligenz. Entweder ist es eine eigene und dann andersartige, uns vielleicht unverständliche, ja unerkennbare, oder es handelt sich nur um eine Simulation, eine Nachahmung ohne das nur uns selbst eigene Verständnis. Searle unterstreicht, dass Verständnis oder Absicht und damit Intelligenz immer mit Sinn oder Bedeutung (Semantik) verbunden ist und diese nicht allein aus der Form oder Regel (Syntax) abgeleitet werden kann. Ich denke, er hat Recht, und bin auch aus diesem Grund nicht der Meinung, dass wir unser Denken den Maschinen überlassen, sondern selber pflegen sollten. Aber wertvoll kann für uns deren »Denken« nicht nur im Sinn der Zweckmäßigkeit sein (welcher Mensch könnte einen Computer simulieren?), sondern auch als Spiegel der Möglichkeiten und vielleicht als Komplementär zur nächst höheren Form, die wir mit plumper Cyborgisierung nicht gewinnen, sondern vertun, solange wir das künstliche Denken idealisieren.

Empfehlenswert zur Vertiefung: Barbara Schelkles Texte »Die Konstruktion des Menschen als Nicht-Maschine« (Link ) und »Haraways Cyborgs in Searles chinesischem Zimmer« (Link ) und von Peter und Gregor Fleissner »Jenseits des chinesischen Zimmers: Der blinde Springer« (Link ).

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