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BERKELEY, George  
wird in Gaarders »Sofies Welt« oft genannt, exponiert noch durch die Namensgebung Bjerkely (von norwegisch Birken) für das Grundstück von Hildes Familie und die Beziehung über das Bild dieses Anwesens in der Majorshütte neben dem Porträt Berkeleys.

Tatsächlich verwundert es nicht, dass die Lehre dieses 1684 in Südirland geborenen Bischofs und Philosophen für Gaarder und seinen Roman wichtig ist. Berkeley unterstellte nämlich, dass die Welt eigentlich nur im menschlichen Bewusstein existiert, nicht materiell und vom Bewusstsein unabhängig ist. In »Sofies Welt« wird – wie auch Im Spiegel der Möglichkeiten – mit Fantasie, Möglichkeit und Virtualität gespielt, die Frage nach der Realität immer wieder neu gestellt. Und wenn ich Gaarder mit seinem Gesamtwerk richtig interpretiere, dann vermag er sich sehr wohl der Berkeley'schen Interpretation anzuschließen.

Diese besagt zunächst: »Alles kommt von dem Geist, der alles in allem wirkt und durch den alles besteht.« In diesem Sinn ist für den christlichen Philosophen die Welt der Ideen – wie schon bei Platon bzw. dem Neuplatonismus – die eigentliche oder »wahre«. Ein Ding ist nichts objektiv Gegebenes, vielmehr bewusste Empfindung (Schopenhauer formuliert: »Die Welt ist meine Vorstellung.«). Die Ideen, die Ursachen unseres Denkens, aber liegen außerhalb unseres Bewusstseins. Doch auch die Ideen, an denen wir dank der Seele teilhaben, müssen auf eine Ursache zurückgeführt werden. Diese ist der göttliche Geist: »Die ganze Natur um uns herum und unser ganzes Dasein ruhen in Gott. Er ist die alleinige Ursache.« Gott ist wie das Gesamtbewusstsein, das absolut gesetzt wird.

Berkeley ist kein Solipsist. Vielmehr ist seine Unterscheidung zwischen Traum oder Fantasie und Wirklichkeit gerade die, dass die Wirklichkeit gemeinsam in allen Geistern ist. Berkeley ist »objektiver Idealist«, weil er alles auf den göttlichen Geist als reine Wahrheit bezieht. In diesem Sinn leugnet er auch nicht die Empfindungen. Sie werden – in seiner Theorie konsequent – nicht von materiellen Dingen hervorgerufen, sondern von Gott. Somit konnte dieser Idealist zugleich Empiriker sein, ja sogar die von Galilei oder Locke als subjektiv bezeichneten Qualitäten des Geruchs, Geschmacks, Gehörs usw. einbeziehen: Wir brauchen die (gottgegebene) Erfahrung, um auf diesem Weg das göttliche Denken besser zu verstehen. Bei Berkeley ist alles, egal ob sekundäre oder primäre Eigenschaft, ob – im Sinne Locks – einfache oder zusammengesetzte Idee, ob Wahrnehmung oder Erkenntnis, ein Phänomen unseres Bewusstseins (Link und original: Link ).

In den Philosophischen Abenteuern wird dieser Grundgedanke, dass Realität – letztlich die Welt – nicht »da« ist, sondern eine gemeinsame Empfindungs- und Denkform, ebenfalls vertreten. Jedoch nicht mit göttlicher Letztbegründung oder einem Apriori, vielmehr als evolutionäre (biologische und kulturelle) Gemeinsamkeit und »Abstimmung«. Mit solchen Gedanken im Zusammenhang mit der evolutionären Erkenntnistheorie und überhaupt Evolution tut sich Gaarder sichtlich schwer (was sein leider schwaches Buch mit oberflächlichen Evolutionsaspekten »Maja« belegt). Auch die Reflexion der »virtuellen« Medien-Welt liegt ihm, wie eigentlich überhaupt das Selbst-Philosophieren, wohl nicht. Daher empfehle ich – zusätzlich und weiterführend –, in den Spiegel der Möglichkeiten zu sehen und sich durchaus rückklickend auch mit dem alten Berkeley zu befassen, auch wenn man nicht so sehr viel über ihn im Netz findet, was vielleicht am Staub liegt, denn ein Ausspruch von ihm ist: Erst wirbeln wir den Staub auf und behaupten dann, dass wir nichts sehen können.

Zum Einstieg helfen die Kurzporträts Link und Link und – wie immer, wenns sonst dünn ist – das Philosophen-Lexikon (Link ), Peter Möller (Link ) und die Links auf den Philosophie-Seiten von Dieter Köhler (Link ). Ausführlich ist die englische Biografie unter Link und die ebenfalls englische Berkeley-Page mit vielen Verweisen Link .

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