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CYBORG  
Achtung, falsch! Was? Zum einen die Definition in einem Online-Lexikon im Web, auf das ich deshalb gar nicht verweisen will, in dem es heißt: »Ein künstlicher Mensch, Homunkulus, Golem; heute auch Roboter (nach russisch: Rabota – Arbeit), Cyborg (kybernetischer Organismus).«

Das stimmt so pauschal nicht, wie Sie leicht in diesem Archiv von Ureda unter den betreffenden Stichwörtern nachlesen können. Falsch ist aber vor allem, den Cyborg so naiv anzustreben, wie es unsere Gesellschaft immer mehr durch Implantate tut, ohne sich die Folgen bewusst zu machen, die letztlich zum entmenschten Homo s@piens führen können. Drittens ist es falsch, dass ich Im Spiegel der Möglichkeiten den tapferen Steven Hawking zum Cyborg mache: in der Pokerszene mit Data, Newton und Einstein. – Doch immerhin nur für den ersten Eindruck, der dann revidiert wird (andere gehen weiter und machen das Genie gar zum Klon: Link ). Im weiteren Verlauf der philosophischen Abenteuer treten nur noch die Borg als »wirkliche« Mischwesen aus biologischen und technischen Komponenten auf.

Damit sind wir endlich bei der Erläuterung dessen, was ein Cyborg ist. Hervorragend wird sie von Günter Hack unter Link gegeben und zugleich die Frage gestellt, ab welchem Integrationsgrad ein Mensch-Maschine-System als Cyborg zu bezeichnen ist. Nach der Definition, dass mechano-elektronische Komponenten fest dem menschlichen Körper integriert sein müssen, gibt es nämlich bereits heute Millionen Cyborgs: Menschen mit Herzschrittmachern, künstlichen Gliedmaßen usw. Umso wichtiger wird die Abgrenzung zu den anderen genannten Wesen wie Roboter oder auch dem Klon und danach die ethische Frage nach der Grenze zwischen Tun und Lassen.

Roboter hat der tschechische Schriftsteller Karel Capek 1920 als reine Maschinenwesen in die Sciencefiction eingeführt, wobei das Wort konkret die Fronarbeit in Knechtschaft meint. Nunmehr, 80 Jahre nach dieser reinen Fiktion, haben wir Roboter zu Hauf in der industriellen Produktion, wobei allerdings der menschenartige Körper keine Rolle spielt und zumeist auch nicht als sinnvoll angesehen wird. Ganz anders beim Androiden, wie Data vom Raumschiff Enterprise. Ein Androide ist ein (nahezu) vollständig künstliches, eben nicht biologisches Wesen, doch mit menschlichem Körper. Data aber ist keineswegs mit dem alchemistischen Homunkulus, dem altjüdischen Golem und auch nicht mit Shelleys Monster Frankenstein verwandt; denn die sind zwar alle künstlich, doch aus biologischer Substanz geschaffen (wobei man den Golem diesbezüglich so großzügig interpretieren muss wie den biblischen Menschen, denn der wurde aus Lehm geformt und dann belebt).

Zur gleichen – inzwischen kaum noch fiktiven – Spezies sind auch die Replikanten zu zählen, die vollständig aus genetisch konstruiertem Biomaterial stammen (was auch der Laie dank Blade Runner weiß: Link und Link ). Unter ihnen stellen die inzwischen schon in England produzierten Klone aus menschlicher DNS die technisch »einfachste« Form dar. Zum Thema passt wohl die Stimme des Extropiers Bart Kosko (Link ), die tönt: »Das Hauptproblem mit biologischen Systemen ist, daß es keine Sicherungskopie gibt. Es ist ein übler Streich, den die Natur allen Lebewesen gespielt hat: Die kostbarste Information ist nicht gesichert. Was für eine Konstruktion!« (aus: Link siehe auch Link und ergänzend Link ). Wohl weniger hat er sich die Frage gestellt, die damit auftaucht und Im Spiegel der Möglichkeiten gestellt wird: »Bin ich wir?« Nun, immerhin er hat wohl mehr als 8 Semester studiert, sodass er bestimmt in der Lage ist, über das, was die Natur in Milliarden Jahren hervorgebracht hat, abschätzig zu urteilen.

Auf Cyborgs trifft man in der Sciencefiction allenthalben und verbreitet auch im Netz. Ich verweise zur Charakteristik etwa auf Link und für Links zu Cyborgs und deren Verwandten auf die leider schreiend bunte Page Link . Lesenswert ist das Essay von Gundolf Freyermuth »Wir sind Cyborgs« unter Link und eine informative Darstellung von Barbara Schelkle »Die Konstruktion des Menschen als Nicht-Maschine« (Link ) zu John Searles Buch »Geist, Gehirn, Programm«.

Searle scheint einer der letzten Amerikaner zu sein, der künstliche Intelligenz (KI) einfach der menschlichen gleichsetzt und die Grenze zwischen dem, was Menschen möglich ist, und den Eigenschaften von Maschinen und Programmen noch würdigt. Das ist nötig, weil man Grenzen nicht überwindet, indem man sie einfach verwischt. Doch dummerweise verfällt Searle argumentativ dem alten Dualismus und zieht eine falsche Grenze ein, indem auch er den menschlichen Geist von der Natur abtrennt, statt von der menschlichen Technik. Sein berühmtes Gleichnis vom chinesischen Zimmer, in dem sich Bei Schelkles einmal sogar 6 Cyborgs tummeln (Link ), ist daher auch zu entkräften und kein Beweis für den außernatürlichen Geist.

Außerhalb der Natur zu sein, ist spätestens seit Platon philosophisch begründet und nicht zuletzt durch ihn auch in den westlichen Religionen Allgemeingut. Daher verwundert die verbreitete Sehnsucht nach dem künstlichen Menschen nicht (dazu Thomas Wägenbaur unter Link ). Platon und mit ihm später Descartes sahen den Körper als Gefängnis der Seele, und nunmehr scheint es möglich, sich – ohne sterben zu müssen! – von dieser vermeintlichen Last zu trennen (dazu ein guter Artikel in Die Welt unter Link ) oder gar ein postbiologisches »Leben« (Link ) zu führen. Letztgenannter Beitrag bezieht sich natürlich – falsch: selbstverständlich (denn Natur stört ihn zutiefst) – auf einen Hauptakteur im Clan der Extropier: Hans Moravec. Der wirkt ganz sympathisch auf der Moravec-Homepage (Link ), hat bestimmt in vielem Recht, wenn es um Bewusstsein und künstliche Intelligenz geht (dazu auf den empfehlenswerten Seiten des Verlages Heinz Heise ein schöner Artikel unter Link ), zieht aber leider die falsche Konsequenz, Intelligenz oder gar Bewusstsein aus der Natur »befreien« zu wollen, den Körper zum Interface zu machen, den Übermenschen, ja Nichtmehrmenschen schaffen zu wollen. Wer will, kann das Ganze als Mora-Witz sehen: Link .

Wer sich, und das ist sicher empfehlenswert, weiter mit diesem wichtigen Thema unserer Zeit und der Zukunft auseinander setzen will, dem seien noch einige Buchtipps und Texte von Nichtwissenschaftlern im Netz empfohlen: ein kleiner Beitrag »Lebende Maschinen« (Link ), ein Thesenpapier mit weiterführenden Hinweisen (Link ) sowie die Hausarbeit von Denny Grasme »Cyborg – der digitale Mensch als Maschine?« (Link ). Wem das ebenso wenig reicht wie seine natürliche Intelligenz, der kann sich eine künstliche einbauen lassen (Tipps gibt's bestimmt beim Massachusetts Institute for Technology). Nur sollte man darauf achten, dass das Betriebssystem nicht von Microsoft stammt.

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