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KOSMISCHE EVOLUTION  
Die kosmische Evolution ist die jüngste und kam nach der menschlichen und der biologischen Evolution. Natürlich nicht zeitlich, das ist klar.

Wohl aber im Spiegel unserer Erkenntnis. Denn so, wie sich das dem Spiegel am nächsten befindliche Ding zuerst und das fernere dahinter spiegelt, so ist der Gedanke der menschlichen Fortentwicklung bzw. des Fortschritts sehr alt und sogar im Juden- und Christentum religiös begründet. Persönliche, gesellschaftliche, technische, kulturelle (Selbst-) Entwicklung unterstellen wir schon lange und gern, denn sie macht uns zu Akteuren. Dieses scheinbare Privileg des denkenden Dings jedoch allem Leben zuzubilligen, das fällt offensichtlich so schwer, dass viele noch immer die Evolution nicht als eigenständige Entwicklung sehen können (siehe Stichwort Evolution. So die Vertreter(innen) des Kreationismus Link , Link , Link , Link , Link und Link ) und relativierend die des Vitalismus (Link , Link und Link ).

Dabei ist – auch wenn es in den hervorragenden Texten zur Evolution auf dem Vorarlberger Bildungsserver in der Einführung unter Link anders steht, was auch richtig ist, weil es viele Mythen gibt und darunter statische Modelle wohl vorherrschen – der Evolutionsgedanke so alt wie viele Mythen von der Entstehung der Welt (etwa derjenige aus dem Weltenei bei Persern, Ägyptern, Chinesen; siehe zu Schöpfungsmythen: Link , Link , Link , Link , Link , Link und dann doch ruhig auch Link sowie in Buchform: Link ).

Auch war Evolution schon das Modell einiger Vorsokratiker wie Anaximander und Empedokles, wurde von Goethe dynamisch-holistisch immer wieder wissenschaftlich und dichterisch dargestellt. Gewiss hat Darwin den Evolutionsgedanken nicht erfunden, nur wissenschaftlich fundiert. Doch all die Kleindenker vermögen es offensichtlich nicht, ihr Selbstverständnis aus der Großartigkeit dieser geschenkten Entwicklungsmöglichkeit, dem Reichtum der Teilhabe an dem alles Leben verbindenden Erbe zu gewinnen. Vielmehr starren sie zur eigenen Wertfindung immer nur auf ihren geistigen Bauchnabel. Auf dem meinen sie nämlich, ein aufgesticktes göttliches Designerlogo zu entdecken, das ihre exklusive Herkunft belegt, sie herauszuheben scheint und doch ganz arm macht: nämlich zum Fertigprodukt.

Die Mehrheit der modernen Menschen hat sich wohl einfach arrangiert mit dem wissenschaftlich kaum mehr in Zweifel gezogenen Evolutionsprinzip einerseits und dem dennoch verbliebenen subjektiven Selbstverständnis, als Geistwesen nicht so ganz dazu zu gehören. Dieses Arrangement ist zweifellos kritisch: Zum einen wird man wurzellos, zum andern gehemmt, »Umweltprobleme« – schon wieder ein distanzierendes Wort, obwohl es Probleme der Selbstzerstörung sind – zu erkennen und zu lösen. Denn wie soll das gehen, wenn sich der Verursacher und zugleich Hauptbetroffene herausnimmt und Distanz übt? Hat vielleicht gar die erst vor kaum einem halben Jahrhundert aufgestellte Theorie der kosmischen Evolution zu noch mehr Distanz geführt? Sie müsste eigentlich so revolutionär unser Weltbild verändern, wie dies durch die Kopernikanische Wende geschah. Doch weil die zeitlichen, räumlichen, energetischen Dimensionen, um die es hier geht, so unvorstellbar gewaltig die Erfahrungswelt eines Erdlings übertreffen, kann er diese Distanzen im eigentlichen und im übertragenen Sinn vielleicht nicht mehr überwinden, sich zumindest nicht mehr in sie einordnen.

In der Kopernikanischen Wende wurde dem selbsternannten Ebenbild Gottes die zentrale Position genommen. Statt aber Zentralismus- und Hierarchiedenken konstruktiv zu überwinden, floh der Mensch mit Descartes in die neue illusionäre Exklusivität des einzig denkenden Dings. Und das hatte mit der nunmehr unharmonisch gewordenen Natur nur noch den Körper als Gefängnis der Seele gemein. Mit dem Psychotrick des Descartes durfte trotz der neuen Kosmologie die Welt von Gott für den denkenden Menschen geschaffen bleiben. Ja, sie wurde durch das neue naturwissenschaftliche Denken, das als Anteil an Gottes Logik gesehen wird, sogar berechenbar und damit vollständig nutzbar. – Ist es nicht legitim, die Gefängnismauern einzureißen?

In der darwinistischen Wende wurde auch dem Gedanken vom göttlichen Ebenbild der Schöpfung das Fundament entzogen, ja sogar die Exklusivität des denkenden Dings in Frage gestellt. Denn ein Teil einer Entwicklung kann nicht außerhalb und grundsätzlich anders sein. Doch statt die Absonderung zu überwinden, statt die kreativen Möglichkeiten im Werden zu entdecken, statt die Verantwortung zu übernehmen, wurde wieder das alte Modell gebeutelt. Um die eigene Position exklusiv zu erhalten und die Verantwortung für die weitere Entwicklung abzuschieben, hieß es – nachdem Widerstand gegen die neue Lehre nicht mehr half: Na gut, Gott hat eben nicht alle Lebensformen in einem Akt geschaffen, vielmehr die Natur und das Leben als solches. Doch er hat alles zielgenau auf den Menschen ausgerichtet und diesem, als der Körper so weit war, den geistigen Atem eingehaucht. Eigentlich steht's doch so in der Bibel, wenn man die sieben Schöpfungstage symbolisch versteht und in »richtiger« Zeitrechnung mit ein paar Nullen versieht. Gottes Umwege sind unergründlich, doch mit dem Menschen als Ziel beendet.

So kriegt man doch alles wieder ins alte teleologische und theologische Bild. Nur, dass man vielleicht moderner mit Teilhard de Chardin vom Omega-Punkt spricht, der es auch Frank J. Tipler und Ken Wilber angetan hat (allgemein Link und Link ; Teilhard de Chardin: Link , Link , Link , Link , Link , Literatur: Link ; Tipler: Link , Link , Link , Link , Link und Link , Bücher: Link ; Wilber: Link , Link , Link , Link , Schriften: Link ). Konsequenterweise ist demnach der Jüngste Tag nahe, denn eine Evolution über den Menschen hinaus passt nun wirklich nicht in dieses Zielbild! Leisten wir deshalb unseren gigantischen Beitrag zur Zerstörung des Blauen Planeten? Muss nicht die irdische Evolution mit dem Menschen zum Ende kommen? Ist da nicht vielleicht sogar die Alternative der Extropier »eleganter«, die nur den Menschen überwinden wollen?

Auf der Basis der Theorie vom »Big Bang« – der Entstehung des ganzen Universums aus einer (zufälligen) Asymmetrie (siehe Antwort 42) – und von den unsere Denkfähigkeit weit übersteigenden Dimensionen von Raum und Zeit und Energie braucht man schon beinahe gleich große geistige Negationskräfte, um noch immer von der These auszugehen, der Menschen sei Ziel aller Entwicklung. Doch man schafft es leicht, was für unsere Größe spricht. Ja, zeugt nicht gar die Gottgewaltigkeit jeder Null mehr an den unvorstellbaren Zahlen (siehe unten) indirekt von unserer Bedeutung? Sei es, weil alles für uns inszeniert wurde – wie der Rechtgläubige zu glauben hat –, sei es, weil wir sogar derart Gewaltiges ermitteln und berechnen können – wie der Rechtwissende jubelt!

Der Normalmensch aber überlässt Glaube und Wissen den anderen, denkt lieber nicht darüber nach, nimmt sie so achselzuckend hin wie die Absurdität des Begriffs »Urknall« für ein Ereignis, bei dem es weder Schallwellen gab noch einen Raum, in dem sie sich hätten ausbreiten können, geschweige denn ein Ohr zu hören. Soll's halt so sein. Wissenschaft versteh' ich nicht, und an den alten Gott glaub' ich eh' schon lange nicht mehr: Was hat das mit mir und meinem Leben zu tun?

Wir schauen weg, statt in diesen supergewaltigen Spiegel der kosmischen Evolution zu sehen, in dem wir neue Erkenntnis für uns und unser Selbstverständnis finden könnten. Das mag verständlich sein ob der Gewaltigkeit dieser Spiegelfläche, die physikalisch-evolutionär Im Spiegel der Möglichkeiten beschrieben wird wie auch in bescheidenen Ansätzen in dem, was sie uns philosophisch zeigen mag. – Mehr als alles andere verlangt m.E. die Urknalltheorie eine neue Metaphysik. Denn ab dem »Punkt 10 hoch -43 Sekunden danach« (vgl. auch Große Vereinheitlichte Theorie) gibt es eine physikalische Welt. »Davor« gibt es den Seinsgrund, um es mit den alten Metaphysikern zu sagen. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass diese physikalische Welt mit ihrer angeblichen Symmetrie (speziell Energieerhaltung: nichts kommt jemals mehr dazu, nichts vergeht) und scheinbar vollständigen Berechenbarkeit (der Dämon des Laplace kann keine besseren Bedingungen für sein deterministisches Modell finden, denn es entstehen erst Zeit, Raum, Materie, Kausalität) paradoxerweise aus Asymmetrie, Zufall und »Unphysik« geboren wird. Kann man das tatsächlich schulterzuckend akzeptieren? Muss nicht vielmehr auch die physikalische Welt als eine der Dynamik gedacht werden, nicht der Statik, als die des Werdens im entstandenen Sein?

Die spätestens seit Galilei und Newton übliche Kausalbetrachtung hat in der Urknall-Theorie ihren Start: Von hier aus kann man die Impulsreihe bis in unsere Gegenwart aufzeichnen und weit darüber hinausgehen mit allerdings widersprüchlichen Berechnungen eines offenen, stets weiter evolvierenden Universums einerseits oder eines geschlossenen andererseits, das wieder in sich zusammenfällt (und dann vielleicht einen neuen kosmischen Atemzug tut). – Nehmen wir auch das achselzuckend hin? Es sind fundamental andere Weltbilder, und sie werfen sehr unterschiedliche (Sinn-) Fragen auf!

Die Physik wird sie – so oder so – nicht beantworten können. Ja, sie muss sogar zugeben, dass ihr modernes Kausalmodell damit zwar die gesuchte Basis hat (in dem Sinn, dass es nicht weiter zurück reicht), jedoch nicht besser und nicht schlechter ist als das Modell der Zielursachen des Aristoteles: Die moderne Physik beschreibt, wie der Zug gebaut wird, vom Ausgangsbahnhof abfährt, beschleunigt, wo und in welchem Zustand er ist (siehe Ursachen). Aber sagt sie nichts zum Warum?

Die aristotelische Ursachenphysik könnte besagen, der Zug fährt, um den Zielbahnhof zu erreichen. Er ist Mittel zum Zweck. Ist das so falsch? Für die Reisenden, die da hin wollen, zweifellos nicht. Aber falsch ist es, wenn wir Anthropozentriker das in dem Sinn aufgreifen, dass wir uns selbst als Ziel voraussetzen. Dann übersehen wir den natürlichen Selbstzweck, der für Aristoteles fundamental war. Denn auch das Fahren als solches kann Ziel sein, das Erlebnis, die Freude Neues zu entdecken. Der Umkehrschluss, es gäbe keinen Zug ohne das apriorische Ziel, ist unzulässig: Kein Ursachenmodell impliziert einen absoluten Sinn, und wir müssen uns unseren relativen selbst geben. – So oder so, »vor« diesem ersten Datum und prinzipiell außerhalb jeden physikalischen Zugriffs bleiben die nach zweieinhalb Jahrtausenden neu aufgeworfenen metaphysischen Fragen, die Im Spiegel der Möglichkeiten reflektiert werden.

Den Ablauf der kosmischen Evolution, in den die biologische und – als superwinzige Phasen – die menschliche und kulturelle Evolution eingebettet sind, kann man etwas »lyrisch« unter dem Stichwort Evolu-Schose nachlesen und sich mit einer übersichtlichen Tabelle unter Link aus Bertram Köhlers »Nachdenken über Evolution« unter Link klar machen. Weiter geht – mit einigen Details auch in die Zukunft bis zum Tod des Universums – die Tabelle unter Link in Ernst Eckhardts Beitrag »Evolution«, der wiederum Teil von »Space Wave ... die kosmische Welle« ist und dieser Teil seiner »Raumzeitwellen«. Das klingt etwas kompliziert, obwohl Evolution doch immer so linear und scheinbar zielstrebig dargestellt wird, was vorne und hinten nicht stimmt: Es ist nur der Rückblick auf den gegangenen Weg, der bei »externer« Betrachtung sicher sehr verschlungen durch den Möglichkeitsraum lief und läuft, so wie es mit dem Weg der Wasserspitzmaus unter dem Stichwort Raum-Zeit-Kausal-Welt (die Welt, um die es hier geht) beschrieben ist.

Diese Verschlungenheit, auch das Staunen darüber und die Suche nach Einordnung und Sinn schimmern auf wissenschaftlichen Websites kaum, wohl aber auf engagierten individuellen und damit lebendigen durch, wie etwa auf derjenigen von Wilfried Louis. Er spannt mit seinen zehn Zyklen kosmischer Entstehungstheorien (nicht nur rein physikalischen) bis hin zur Gegenwart des Homo sapiens auch inhaltlich einen großen Bogen, genannt »Die Geschichte der Materie« (Link ) und ergänzt noch um die »Philosophie der Schöpfung« (Link ). Ich empfehle diesen spannungsreichen Bogen, bei dem es zu Recht unter Philosophie heißt: »Wir sind das, was wir über uns gedacht haben.«

Wie viel objektiver, aber auch enger gedacht sind dagegen die wissenschaftlichen Darstellungen, wie beispielsweise die des »Standardmodells«, das der Artikel von J. Draeger schildert unter Link als Teil einer Zusammenstellung von Andreas Härpfer mit weiteren, fachlich durchaus interessanten Beiträgen unter Link . In derartigen Ausführungen liest man z.B. von Temperaturbedingungen in der Frühphase nach dem so genannten Urknall von 1032 K oder Dichten von 1094 g/cm2. Berührt Sie das? – Vielleicht mehr, wenn man laienhaft schreibt: 100 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 Grad Kelvin und 10 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 Gramm pro Kubikzentimeter? Ich meine ja!

Zum Glück gehen auch Wissenschaftler gern über den engen Fachrahmen hinaus, etwa Roland Buser Link . Einen guten Mittelweg zwischen Fachwissenschaft und privat erlaubter Mischung aus Physik und Metaphysik bieten einige Beiträge des Magazins »Geo«, in die man über den Artikel »Nachricht vom Anfang der Welten« (Link ) einsteigen kann und dann dem Verweis »Galaxien-Entstehung« folgt. Wer nicht lesen will, kann auch hören. Unter Link bietet der SWR2 die »Geburt eines Sterns: Die Anfänge des Sonnensystems« auch audio. – Den Urknall hört man jedoch nicht ...


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