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URSACHEN   
lösten mit den Vorsokratikern die Verursacher ab. Zuvor war die abendländische Welt einfach gewesen: Alles lies sich mit dem Wirken der Götter erklären, die zwar übermenschliche Kräfte, aber sehr menschliche Charaktere, Neigungen, Stärken und Schwächen hatten.

Jedem Kind war der natürliche Lauf der Dinge verständlich, von regelmäßiger Pflichterfüllung – etwa für den täglichen Sonnenaufgang, wenn Helios mit dem Sonnenwagen kommt (locker von vier Pferden gezogen, nachdem Aurora die Tore geöffnet und Rosen gestreut hatte, während in der nordischen Mythologie bescheidene zwei Rösser schnaufen und zur Vermeidung von Überhitzung den kühlen Morgenwind mitbringen: Ich weiß, warum ich den Süden liebe!) – bis zur unerwarteten Naturkatastrophe, wenn Vulkanos oder Neptun verärgert wüten. Das aber wollte man durch Opfergaben möglichst vermeiden, wodurch zugleich der Mensch Mitwirkender im göttlichen Spiel wurde.

Die Vorsokratiker, allen voran Thales von Milet, machten dann alles unanschaulich und unpersönlich, was Im Spiegel der Möglichkeiten Iris sehr bedauert, Elena aber ganz vernünftig findet. Diese Philosophen in den Jahrhunderten zwischen Homer und Sokrates ließen im natürlichen Geschehen nur mehr Kräfte statt Personen wirken. Kräfte haben keine Emotionen und keinen Willen und sind somit nicht zu beeinflussen. Damit aber entmachteten sie die Götter und erst recht die Menschen.

Je nach Interpretation kann dies auf zwei gegensätzliche Weisen geschehen: nach der des Zufalls oder der des Zwangs. Den Zufall mochte man noch nie, auch wenn aktuell wieder die Chaostheorie Konjunktur hat, denn im willkürlichen Geschehen gibt es keinen Griff, den man Sinn nennen und an den man sich halten kann. Also setzte man auf den Zwang, der die Möglichkeit bot, dahinter ein göttliches Gesetz zu sehen. Seit der Neuzeit sprechen wir weniger von Gott, doch von »naturgesetzlich« oder »determiniert«. – Nimmt man diese Modelle als Generalerklärung, so bezieht man die materialistische Position und kann ein hervorragender Naturwissenschaftler werden.

Wem auch das nicht so recht behagt, weil er sich fragt, wieso im zwanghaften Geschehen der Sinn des Universums, des Lebens und des eigenen Ich verborgen sein soll, dem bietet schon seit dem Ende der vorsokratischen Ära der große Platon das passende Modell: Natur ist nur Abklatsch und Trug. Außerhalb der Natur aber existieren die Wahrheiten, die Urtypen, die ewigen Ideen in der vollkommenen Welt des Geistes, an der die Seele Anteil hat. Der Mensch aber ist nicht Natur, auch wenn er einen Körper hat, sondern Seelenwesen in der Natur. – Nimmt man dieses Modell als Generalerklärung, so bezieht man die idealistische Position und kann ein hervorragender Geisteswissenschaftler werden.

Wem auch das nicht recht ist, weil damit alle guten Werte dem Erdendasein geraubt und ins Jenseits projiziert werden, der kann im religiösen Mythos und beim alten Verursacherprinzip bleiben. Er muss sich nur die passenden Versatzstücke der anderen Erklärungsmodelle herausnehmen und die unpassenden verwerfen. Hervorragend gelingt das der jüdisch-christlichen Religion, denn sie schließt mit dem einen und einzigen Schöpfergott das Willkürspiel der vielen Götter aus und lässt die Naturgesetzlichkeit zu, ja machte in der Neuzeit sogar Gott zum Uhrmacher und Mathematiker. Dessen eigentliches Reich ist außerhalb seiner Schöpfung, die wir Natur nennen. Es ist vielmehr im platonischen Reich der Ideen gelegen. Doch nicht nur zwei Fliegen werden mit einer Klappe geschlagen, auch eine dritte: Denn last but not least ist dieser Christengott personifiziert und damit weiterhin mythisch und emotional zugänglich. – Nimmt man dieses Modell als Generalerklärung, kann man ein hervorragender Priester oder ein problemlos glücklicher Mensch werden.

Wer weder linientreuer Natur- noch Geisteswissenschaftler ist, kein Priester und auch keiner, der es ohnehin aufgegeben hat, nach einem Sinn zu fragen, der muss selber denken oder ersatzweise in meinem Buch lesen. Darin wird er beispielsweise entdecken, dass unsere tief verwurzelte Vorstellung, Ursachen gingen immer der Wirkung voraus und es gäbe gleichsam seit dem Urknall eine ständige Wirkkette (die damit Zeit und Evolution trägt), zumindest im subatomaren Bereich aufgehoben ist. Auch bei alltäglichen Erfahrungen wie derjenigen, dass uns schon das sprichwörtliche Wasser im Mund zusammenläuft, wenn wir nur ans Essen denken, scheinen sich Ursache und Wirkung umzukehren: Erst müsste, materialistisch im Sinn von Ursache und Wirkung (oder Impuls), die Nahrung im Mund sein, um die Speichelbildung zweckmäßigerweise auszulösen. Schließlich kann das zukünftige Ereignis des Essens nicht rückwirken.

Idealistisch gesehen ist die Erklärung leicht, kehrt sich ohnehin die Betrachtung um: Alles ist in der Vollkommenheit schon gegeben und es wird ständig heruntergebrochen (top down oder deduktiv) und nicht, wie die Materialisten behaupten, von unten nach und nach entwickelt (bottom up oder iterativ; vgl. dazu die Tabellen bei Aristoteles und Platon). Religiös ist es nicht viel anders: Gott hat alles zweckmäßig geschaffen, und es ist zweckmäßig, dass die Speichelproduktion schon etwas vorausläuft.

Ein evolutionär denkender Pragmatiker könnte für dieses Beispiel leicht eine dritte Erklärung geben. Er muss nur erworbene Gesamterfahrung, die genetischer und kultureller pool ist, und individuelles Verhalten, das daraus schöpfen kann, doch nicht zwanghaft muss, zugleich berücksichtigen. Denn sowohl Materialisten wie Idealisten machen es sich dadurch leicht, dass sie die Rückkopplung und die Dialektik zwischen Gesamtentwicklung und Individuum übersehen und statt dessen alles a priori oder a posteriori erklären. So kann man positionistisch Jahrtausende lang streiten und wird nicht arbeitslos. Dabei überwandt im Grunde schon Aristoteles die Extrempositionen und ging – wie unter Kausalität gesagt – von einem Bündel innerer und äußerer Ursachen aus, auch wenn er natürlich noch nichts von evolutionärer Erkenntnistheorie wusste.

In der Quantenphysik musste das simple Kausaldenken aufgegeben werden. Doch gilt es, wie man wieder leicht abtut, eben nur im Makrokosmos? Wirken nicht auch im täglichen Leben ständig künftige Zustände »ursächlich« zurück? Denken wir doch nur an ein so triviales Beispiel wie dasjenige, dass sich der Zug in Bewegung setzt, um in drei Stunden sein Fahrtziel zu erreichen. Ist das nicht der alte aristotelische Zweck im Sinn der Zielursache? Zieht nicht der Zielbahnhof in gewisser Weise das Fahrzeug an? Dann liegt der Grund (zeitlich und räumlich) voraus und nicht zurück, läuft die Wirkung auf die Ursache zu. – Die moderne Chaostheorie hat zur Erklärung vieler so genannter selbstorganisierender Prozesse tatsächlich wieder die »Attraktoren« eingeführt und ist in modifizierter Form nach weit über zwei Jahrtausenden wieder bei der aristotelischen causa finalis, gleichsam der Wirkung »aus der Zukunft« angelangt.

Halt, halt, halt, werden Sie sagen: Der Zug fährt, weil es von Menschen so geplant wurde. Man muss naturwissenschaftliche Ursachen und menschliche Ziele trennen. Doch ist damit das Problem gelöst? Nur, wenn man von vornherein den Menschen aus der Natur nimmt oder ihm zu Gunsten der eigenen Vergöttlichung übernatürliche Kräfte zubilligt. Auch sind wir dabei wieder ganz faul, weil wir statisch denken: Wir setzen den Bahnhof voraus und Reisende, die da hin wollen. Aber auch der Bahnhof und die Strecke mussten gebaut werden, wurden irgendwann geplant. Planen heißt, Zukunft voraus zu denken und anzustreben. Also wurde der Bahnhofsbau durch künftige Zustände »ausgelöst«. Auch darf man ruhig sagen, dass die Bahnhöfe und die Verbindungen seither die Reisenden »produzieren«, die nicht schon vor den Baumaßnahmen dort a priori herumstanden.

Nein, solange wir in Henne oder Ei denken, können wir trefflich um Ursache oder Wirkung streiten. Henne und Ei aber sind Dinge, obschon es um Prozesse geht. Also ist es ein Streit auf falschen Voraussetzungen. Lösen müssen wir uns – gerade auch bei den Ursachen – von diesem sachlichen Denken im Sinn von Sache = Ding. Denn dingliches Denken setzt immer etwas voraus und braucht daher letztlich den Macher, den Verursacher, den Ersten Beweger, den letzten Grund, den Schöpfergott.

Dieses Thema wird hier im Spiegel-ABC unter Stichwörtern wie Selbstorganisation, Chaostheorie, Prozess, Dialektik u.a. behandelt und ist im Roman dem Geschehen hinterlegt. Dabei wird das aristotelische Denken des Zusammenspiels von vier Ursachen ausführlicher behandelt. Der alte Aristo wollte, wie später etwa auch Goethe, noch eine Gesamterklärung geben, keine kategorische Entweder-Oder-Position einnehmen. Der Grieche meinte, für jede Entwicklung wirkten zugleich die Stoffursache (Materie; Beispiel: Steine), die Formursache (Bauplan; Beispiel: für ein Haus), die Wirkursache (formenden Kräfte; Beispiel: Maurer) sowie – die wichtigste – die Zweck- bzw. Zielursache (wozu der Prozess dient; Beispiel: Haus als Wohnstätte) zusammen. Bei menschlich gefertigten Gegenständen sind Form- und Zielursache eindeutig unterschieden, denn der Mensch setzt den Zweck. Ganz anders bei natürlichen Dingen: Hier fallen Form- und Zielursache zusammen. Das heißt, die Ver-wirklichung der Form ist Endziel und Zweck aller natürlichen Vor-gänge. Die jedem Ding als Möglichkeit innewohnende Form wird im Lauf eines selbst-ständig ablaufenden Naturprozesses verwirklicht. Da von Menschen herge-stellte Gegenstände nicht von sich aus werden, sondern einen Verursacher brauchen, stehen die natürlichen Dinge über den künstlichen. Sie haben eine innere Antriebskraft, ein Selbst, eine Seele.

In der seelenlosen Neuzeit und Moderne ist es umgekehrt: Die vom Menschen geschaffenen technischen Produkte sind wichtiger geworden als die natürlichen, die wir beispielsweise als Arten inzwischen mit einer »Tagesleistung« von mindestens einer Spezies ausrotten (siehe Artensterben unter Begriff: Tiere und Pflanzen Uredas). Und der Mensch selbst macht sich zum halbautomatischen Cyborg oder gentechnischen Designprodukt. Im Wahn, selbst Verursacher für immer mehr zu sein, gibt er sogar seine eigene Natürlichkeit auf.

Rund die Hälfte aller mit der Suchmaschine gefundenen Seiten beschäftigen sich mit den Ursachen diverser Krankheiten. Das belegt, wie sehr wir gerade in diesem Bereich Zufall, Schicksal und die »feindliche Natur« überwinden wollen. Im philosophischen Bereich ist die Ausbeute dagegen gering: Phillex bringt eine Definition Link , und auch bei Mautner gibt’s wieder Lesestoff Link . Ruhig lesen sollte man die Gedanken von Ralph Netzker Link , sich vor allem aber die eigenen machen. Ansonsten fällt auf – auch nicht überraschend –, dass der Begriff der Ursache auf den Seiten der östlichen Philosophien eine wichtige Rolle spielt. So heißt eine Zeitschrift für Buddismus »Ursache und Wirkung« Link , und die Ursache (karma Link ) oder das Gesetz von Urasche und Wirkung (omkara) wird immer wieder beschrieben, etwa unter Link .

Was mir noch auffiel: dass die Domain »Ursache« zum Verkauf ansteht (August 2001). – Was das wohl für Ursachen hat?


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