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SCHWEITZER, Albert  
»Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.«

Was für ein Satz! Er kann ganze Bibliotheken ersetzen – oder auch füllen, wenn man ihn interpretiert: Das Ich steht vorn, doch nicht – wie bei Descartes (»Ich denke, also bin ich.«) – zur Abgrenzung oder gar Isolation. Nein, dieses Ich existiert (nur) inmitten der Fülle und Ganzheit des Lebens: mag es räumlich sein, mag es zeitlich sein (Evolution). Das Ich ist nicht als denkendes Ding unterschieden und damit, wie etwa bei Kant, alleiniges und ausschließliches moralisches Subjekt. Nein, das Leben ist höchstes Gut in all seinen Formen.

Das begreifen die Mädchen im Spiegel der Möglichkeiten sehr wohl, denn als Heureka den Spruch im Chat zitiert, heißt es gleich: »Klingt rhythmisch wie ein Gedicht. Mit dem Ich bin bezieht er sich bestimmt auf Descartes und haut im links und rechts auf die Ohren. Denn Ich bin Leben verkürzt nicht auf den denkenden Menschen. Und das zentrale inmitten stellt hinein, verbindet, lässt Fülle und Reichtum anklingen, nicht cartesische Trennung und verbindungslose Leere.«

Auch wenn Heureka daraufhin zurechtrückt: »Schweitzer war Ethiker und Pazifist und hat nicht links und rechts auf die Ohren gehauen, sondern mitten im Leben geholfen«, so verneint Schweitzer doch nicht, dass das Ich will. Es hat Forderungen. Das wird nicht bestritten, nicht verleugnet und muss auch nicht altruistisch aufgegeben werden. Doch dieses subjektive Wollen wird zugleich allen Mitgeschöpfen zugebilligt (Schweitzer glaubte an die göttliche Schöpfung, daher ist dieser Begriff zumindest hier angebracht). Jedes Leben hat – offensichtlich berechtigt – diesen anzuerkennenden Willen in der jeweils ihm gemäßen Form; und zwar wirklich gleichrangig. Denn dieser symmetrische Satz, der nicht nur formal die zentrale Stellung des inmitten unterstreicht, schwingt über zwei gleichwertigen Gipfeln. Es heißt ja nicht, wie Altner zu Recht betont, »... inmitten von Leben, das auch leben will ...« Wäre es so, stellt Altner fest, dann könnte man leicht zur Tagesordnung übergehen und einen hierarchisch aufgebauten Verpflichtungskatalog entwickeln.

Nein, Schweitzer macht es sich und uns schwer, weil wir so ständig im Konflikt sind und es uns nicht mit positionistischen oder kategorischen Ein-für-allemal-Lösungen moralisch bequem machen können. Er selbst führt aus: »Auf tausend Arten steht meine Existenz mit anderen in Konflikt. Die Notwendigkeit, Leben zu vernichten und Leben zu schädigen, ist mir auferlegt ... Meine Nahrung gewinne ich durch Vernichtung von Pflanzen und Tieren. Mein Glück erbaut sich aus der Schädigung der Nebenmenschen.«

Das ständige Abwägungsgebot darf auf keinen Fall mit einer »relativen Ethik« oder gar Beliebigkeit verwechselt werden. Denn Ehrfurcht vor dem Leben (ehren und fürchten) heißt zunächst einmal, dass jedes Leben zu erhalten und zu fördern ist und jede Schädigung und Vernichtung böse ist. Da dies nicht absolut geht, wird die Konfliktlösung zum Programm und Ratlosigkeit durchaus in Kauf genommen, ja als konstruktiv gesehen. Jeder einzelne Mensch hat sich ständig in Entscheidungssituation zu prüfen, ständig die Ansprüche des eigenen und des fremden Lebens verantwortlich gegeneinander abzuwägen. Er kann sich nicht auf Gesetze, nicht auf Normen, nicht auf höhere Instanzen berufen, wird immer und immer wieder irren und bleibt doch aufgehoben inmitten des Lebens, dem er sich verpflichtet hat. Der Mensch ist nicht ein Wesen in der Umwelt, er ist Teil der Mitwelt; und daher ist Schweitzers Ethik auch eine Mitweltethik (Link ).

Diese auch Ehrfurchtsethik (sowie Link oder Link ) genannte Form ist kein Idyll, nicht naiv und nicht romantisch und dennoch viel »bergender« als Kants intellektuelle Verschraubungen, wenn dieser etwa »in Ansehung der Natur« ableitet, dass »ein Hang zum bloßen Zerstören der Pflicht des Menschen gegen sich selbst zuwider (ist), weil es dasjenige Gefühl im Menschen schwächt oder vertilgt, was zwar nicht für sich allein schon moralisch ist, aber doch diejenige Stimmung der Sinnlichkeit, welche die Moralität sehr befördert, wenigstens dazu vorbereitet, nämlich etwas auch ohne Absicht auf Nutzen zu lieben (z.B. die schönen Kristallisationen, das unbeschreiblich Schöne des Gewächsreiches). In Ansehung des lebenden, obgleich vernunftlosen Teils der Geschöpfe ist die Pflicht der Enthaltung von gewaltsamer und zugleich grausamer Behandlung der Tiere der Pflicht des Menschen gegen sich selbst weit inniglicher entgegengesetzt, weil dadurch das Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen abgestumpft und dadurch eine der Moralität, im Verhältnisse zu anderen Menschen, sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt wird; ... Selbst Dankbarkeit für lang geleistete Dienste eines alten Pferdes oder Hundes (gleich als ob sie Hausgenossen wären) gehört indirekt zur Pflicht des Menschen, nämlich in Ansehung dieser Tiere, direkt aber betrachtet ist sie immer nur Pflicht des Menschen gegen sich selbst.«

Die Rationalisten und Kantianer lehnen Schweitzers Ethik als emotional oder mystisch ab und sprechen von einer subjektiven Ethik, die somit nicht Basis einer allgemeinen Ethik sein kann. Wenn sie aber einmal als Lebewesen und nicht nur als denkende Wesen dieses schwierige und distanzierende Satzgebilde gegen dasjenige von Schweitzer stellen, dann erhalten Sie vielleicht eine Antwort auf die Frage, warum die Menschheit es trotz Kant und absoluter Ethikbegründung noch immer nicht verstanden hat. Dagegen versuchen viele gerade auch wegen der emotionalen Komponente, die auch im hineinziehenden Rhythmus zum Schwingen kommt, im Sinne Schweitzers zu leben. Dabei will ich keineswegs abwägen, welche Begründung die »erfolgreichere« ist, denn das wäre utilitaristisch – und davon hielten Kant und Schweitzer nicht viel.

Günter Altner (Link , Link , Link ), dessen Schriften zur Bioethik, speziell »Naturvergessenheit, Grundlagen einer umfassenden Bioethik«, ich sehr empfehle, stellt die Bedeutung des Begriff der Schöpfung (Link ) heraus, weil er einer der Ganzheit ist. Er steht für den gemeinsamen Ursprung aller Geschöpfe und für die gemeinsamen Bedingungen der Möglichkeit immer neuen Werdens: »Die im Begriff der Schöpfung vorausgesetzte Ganzheit impliziert andererseits das noch nicht Erreichte, den großen Sabbat, den Frieden, die Befreiung zu einer Einheit, die kein Gegeneinander mehr kennt ... Die im Begriff der Schöpfung vorausgesetzte Ganzheit schließt aber auch - positiv - die jeweils erreichte kreatürliche Vielfalt, die jeweilige Zeitgestalt der Schöpfung in aller Vorläufigkeit mit ein. Hier gibt es nichts, was überflüssig und entbehrlich wäre: Keine 'bösen' Viren und Bakterien, keine 'heimtückischen' Insekten, die abgeschafft gehören, weil sie menschlichen Nutzinteressen im Wege stünden.« Die Verantwortungsinstanz der Bioethik ist das Ich. Dieses muss sich, wie Schweitzer sagt, »im Kontext eines Werdezusammenhangs sehen, den es nicht selber hergestellt hat, den es aber - je nach seiner Einstellung - so oder so gestalten und verändern kann.«

Wenn wir uns nun der Person Schweitzer zuwenden, so kann die Lebenschronologie auf der page des Albert-Schweitzer-Gymnasiums Gera (Link , dann auf »History«) ein guter Einstieg sein. Mehr ist auf der ohnehin sehr gelungenen Homepage des Albert-Schweitzer-Gymnasiums Neckarsulm zusammengestellt: Link . Eine Bildergalerie (Schweitzer scheint schon immer alt gewesen sein) ist beim Albert-Schweitzer-Gymnasium Erfurt zu finden: Link .

Weitere Angaben zu Leben und Lebenswerk bieten Link , Link (mit speziellem Bezug zum Elsaß) und eine Seite der Uni Gießen Link (mit Links). Besonders viel bieten das Albert-Schweitzer Zentrum (Link ), die Albert Schweitzer Stiftung Link und die internationale Schweitzer-Vereinigung Link . Auf eine riesige, ebenfalls internationale Linksammlung kommt man zudem mit diesem Klick: Link .

Der letzte hier gegebene Hinweis führt auf die Seite einer Person, die wohl im Sinn Schweitzers arbeitet und gewiss Unterstützung braucht (Link ), damit andere Menschen überhaupt in die Lage kommen, von sich sagen zu dürfen: »Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.«

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