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POPPER, Karl  
ist ein Philosoph und ein Sir und ruft dennoch immer wieder bei Ungebildeten ein spitzes Grinsen hervor. Aber das liegt nicht an Poppers Philosophie, sondern an seinem Namen. Dass er den Titel Sir tragen darf, verdankt er König Elizabeth II., die ihn – einen Österreicher und zeitweiligen Kommunisten – in den Ritterstand erhob. Dass er einer der bedeutendsten Philosophen der letzten Jahrzehnte war, verdankt er dem Umstand, seine Gedanken nicht für sich behalten zu haben, obwohl er für intellektuelle Bescheidenheit im sokratischen Sinn war. Als Philosoph wollte er nicht gern bezeichnet werden, weil – so der Denker – in der Philosophie mehr Beschämendes als Stolz Erregendes verzapft worden sei.

An Sokrates und keineswegs an Platon erinnert ebenfalls Poppers Grundthese: »Es gibt kein sicheres Wissen.« Als »kritischer Rationalist« (Link und Links unter Link ) unterstellte er, dass Vernunft nicht absolut ist. Er entwarf eine Theorie des Bewusstseins, mit der er eigentlich im aristotelischen Sinn oder demjenigen Humes davon ausging, dass wir uns empirisches Wissen aneignen und verdichten. Eine wesentliche Verdichtungsform nennen wir Theorie. Deren »Wahrheit« ist nichts anderes als ihr gutes Abschneiden in der Praxis, also wiederum in empirischer Überprüfung. Wahrheit bleibt somit immer relativ (Link ). Aufgabe der Wissenschaft ist es folglich zu »falsifizieren«, also die Behauptungen, Thesen und Theorien zu widerlegen (Link , Link und Link ). Der oft praktizierte umgekehrte Ansatz ist kritisch. Denn sucht man Belege für den Beweis einer Theorie, die man für richtig hält, so hat man schon Scheuklappen auf (nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf), bis hin zum Dogmatismus. Die ständige Fehlersuche soll – und so ist es weitgehend in den Naturwissenschaften geworden – das Prinzip sein. Besteht eine Theorie dennoch gut und lange, so spricht dies für sie.

Dieser wichtige und ich denke richtige (bitte widerlegen Sie, mir gelingt es nicht!) Grundansatz ist m.E. dem »Prinzip Verantwortung« (Jonas) verwandt und ethisch bedeutungsvoll. Denn die Überzeugung, im Besitz reiner Wahrheiten zu sein, bewirkt große Sehschwächen. Andererseits besagt die Theorie von Karl Popper keineswegs, dass alles relativ sei oder gar subjektiv. Selbst – nein gerade – das Bewusstsein ist nicht individuell. Und zwar nicht deswegen, weil es im klassischen und religiösen Sinn Anteil an der Welt der Ideen hat oder am Denken Gottes, sondern weil es (lassen Sie es mich bewusst in einer Anspielung formulieren) die Dreifaltigkeit der gemeinsamen Welt gibt: die physische (Welt 1), die psychische der subjektiven Erfahrung (Welt 2) und die Welt all dessen, was Menschen hervorgebracht haben (Sprache, Mathematik, Gesetze, allgemein verfügbares Wissen usw.), als Welt 3. Zwischen diesen Welten gibt es ständige Rückkopplungen und gemeinsame evolutionäre Entwicklung – ein wesentliches Thema Im Spiegel der Möglichkeiten und dort gern mit einem wachsenden Baum und den Trieben als Gliedern mit gewissen Freiheitsgraden im Ganzen verglichen. Vielleicht sind meine Vergleiche aber zu »poppulär« oder gar zu »poppelig«, deswegen verweise ich zur 3-Welten-Theorie auf Link (in Verbindung mit dem Original unter Link ) und die unten genannten Popper-Seiten, die alle mehr oder minder darauf eingehen.

Dieser Ansatz ist ein Beitrag zur Überwindung des Dualismus und hat durchaus metaphysische Gehalte, wie auch Poppers Philosophie zum Bewusstsein und zur Erkenntnis. Er vertritt eine evolutionäre Erkenntnistheorie (Link ), die aber nicht mit der unter diesem Stichwort hier im ABC vorgestellten im Sinn von Konrad Lorenz identisch ist (siehe dort). Ich denke jedoch, die evolutionären Erkenntnistheorien der beiden Jugendfreunde, die anlässlich des 80. Geburtstags von Popper ein letztes publiziertes Gespräch führten (das Altenberger Gespräch, betitelt mit: »Die Zukunft ist offen« , Auszüge (zwischen anderen) unter Link ) ergänzen sich. Selbstverständlich ist Poppers Denkhaltung eine des Werdens und nicht des absoluten und statischen Seins.

Wer sich kompakt über Popper und sein Werk informieren möchte, kann mit der chronologischen Biografie der Karl-Popper-Schule anfangen Link und vielleicht mit dem Text von Marco Cavallo unter Link ergänzen. Ausführlich ist die Chronologie von Helmut Zenz unter Link und die page Link , die auch Links bringt. Sehr gut ist wieder die Darstellung bei Möller (Link ), der die Seite von H.J. Niemann, Link speziell auch mit Blick auf die wichtigsten Werke und einem großen Verweisverzeichnis (Link ), nicht nachsteht.

Unbedingt begleiten (auch wenn die Farbzusammenstellung auf den Übersichten es anstrengend macht) sollte man Gerlind Rurik von der Uni Dortmund auf Ihren »Wegen zur Wissenschaftstheorie«, die auch zu Karl Popper führen (Link ) und von dort zu einem tollen Videoarchiv, für das man die Ladezeiten schon investieren sollte. Zuletzt aber soll der Meister Popper selbst noch im Interview zu Wort kommen: Link .

Nachdem nun der geistige Hintergrund skizziert ist, darf man auch lebensnah ausrufen: Poppen wir weiter!, zumal Poppers Lehre nicht so platonisch ist.


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