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MITWELT  
Im Spiegel der Möglichkeiten sagt Heureka im Chat mit Elena, dass wir unsere Umwelt als Mitwelt verstehen und begreifen sollten.

Das ist eine Formulierung, die in so einem Chat erlaubt ist, obwohl die Mitwelt natürlich nicht nur ein anderes Verständnis der »Umwelt« sein kann, sondern die Überwindung dieser Sicht sein soll. Aber man muss Heureka zugute halten, dass er zuvor Umwelt im Sinn Uexkülls als Summe der jeweils individuellen bzw. artspezifischen Merkwelt und Wirkwelt definiert hat. Nach meiner bescheidenen Logik entsteht aus dem Miteinander »nur« eine neue Summe und neue Umwelt. Dennoch wäre dies für das Wesen Homo sapiens, das bisher nicht einmal diesen Doppelsinn von Umwelt begriffen hat und sie oft mit Umgebung verwechselt, ein gewaltiger Schritt im Selbstverständnis und in der ethischen Konsequenz. Denn durch das Auseinanderklaffen von gewaltiger technischer Wirkung und archaischer Erkenntnis der Folgen hat er sich schon längst riesige Umweltprobleme geschaffen (siehe Umwelt, Umweltethik, Jonas). Der distanzierende Umweltbegriff verdeckt, dass wir als Teil der Natur miteinander in der Natur leben, und miteinander im umfassenden Sinn.

Wesentlich geprägt wurde der Mitweltbegriff (Link ) – der wenig mit der dem knappen und undifferenzierenden Niveau von wissen.de (Link ) entsprechenden Definition zu tun hat, die da lautet: »die Mitmenschen, die Zeitgenossen [in Anlehnung an Nachwelt]« – durch Klaus Michael Meyer-Abich (»Aufstand für die Natur. Von der Umwelt zur Mitwelt« Link ). Auf der herausragenden page des Johanneums Lüneburg kann man über den Holisten Meyer-Abich und seine Metaphysik und »Umweltethik« (richtig: Mitweltethik) Wesentliches erfahren: Link . Zur Ergänzungen verweise ich auf Kurzbiografien unter dem Stichwort Extropier, auf ein Gespräch mit Dieter Lehner unter Link und einige Ausführungen zu seiner Erkenntnistheorie unter Link . Zudem empfehle ich flankierend ein Werk zu seinem 60. Geburtstag: Hans Werner Ingensiep & Richard Hoppe-Seiler (Hrsg.): »NaturStücke – Kulturgeschichte der Natur«.

Meyer-Abich teilt im Kern die Naturauffassung Goethes (dazu ein Vortrag: Link ), und in diesem Sinn sieht er selbstverständlich den Dualismus und auch die reine Rationalität Kants als Irrweg an, hält mehr von Hegels Vermittlungsdenken und möchte im Grunde die Mitweltethik des Albert Schweitzer (Link ) auf alle Natur beziehen. Genau dazu fehlt uns allen aber sicherlich noch die Denkform, weswegen allzu schnell gewisse romantische Züge anklingen (sehr oft wird die Ästhetik und der – gepflegte! – Garten bemüht, und die Ökologie scheint mir auch positiv wertbehaftet zu sein, was ohnehin bei den »Ökoethiken« eine Bürde ist Link ). Mitunter erweckt Meyer-Abich auch den Eindruck, dass nur die durch Kultur gleichsam missionierte Natur die »gute« sei, obwohl es ihm wohl eigentlich darum geht, die besondere Rolle des Kulturwesens Mensch ins Netz (nicht ins Zentrum!) des Ganzen zu stellen, als Wesen, in dem die Natur im doppelten Sinn des Wortes »zur Sprache« kommt.

Sei’s drum! Der Weg des Umdenkens kann nicht frei von Schlaglöchern sein, und deshalb will ich auch nicht die oft oberflächliche Nutzung des Begriffs auf Dutzenden von Websites kritisieren, auf denen man – begrüßenswert und nachvollziehbar – den abgrenzenden Umweltbegriff nicht mehr verwenden will, doch oft den Mitweltbegriff nur über die »üblichen« Artikel oder Bilder oder Tipps im Bereich Naturschutz oder Tierschutz stellt. Nein, ich vertraue darauf, dass nicht nur neue Verpackung um alte Produkte gestülpt wird, sondern oft sogar aus alten Verpackungen das neue Mitweltdenken bereichert wird. Daher freut es mich, wenn der christliche »Bund mit der Erde« wider entdeckt wird (Link ) und in kirchlichen Erklärungen dazu aufgerufen wird, die Umwelt als Mitwelt zu entdecken: Link . Ich verweise gern darauf, dass im Buddhismus das Mitweltdenken substanziell ist (Link ) und als Beispiel auch auf den religiösen Ansatz der Unitarier: Link . Persönlich bin ich nicht der Meinung, dass es der Vergöttlichung der »All-Natur« bedarf (ein Begriff aus der unitaristischen Glaubensdefinition), doch ist die Gottlosigkeit im Sinn der Wertlosigkeit, die im platonischen und cartesischen Denken fundamental ist und immer auch im Christentum ein Problem war und ist (Schöpfer und Schöpfung), das Grundübel. Daher ist auch Im Spiegel der Möglichkeiten sehr oft von Gott die Rede. Ja, um wie viel gewinnt der Begriff der Mitwelt, wenn es die mit IHM ist?

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