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BEAMEN  
Am 18. Oktober 1968 sprang einer ins nächste Jahrtausend. Zumindest war dies die in den Medien verbreitete Formulierung (etwa: Link und Link ). Tatsächlich sprang er – im ersten Versuch bei den Olympischen Spielen in Mexiko – 8,90 m weit. Danach verschwand er, der zuvor wenig in Erscheinung getreten war, ziemlich schnell von der Bildfläche: Bob Beamon (Link und Link ).

Ziemlich genau zwei Jahre früher, am 6. Oktober 1966, war aber schon einer einige Jahrhunderte weiter gesprungen. Einer, der vorher auch nicht sehr bekannt war und der danach wohl noch berühmter als Bob Beamon wurde. Auch verschwand er nicht so schnell von der Bildfläche. Im Gegenteil, er tauchte zweimal darin auf, auf der Fernsehbildfläche. Der Name des Helden war William Shatner, besser bekannt als Captain Kirk (als Rolle Link , als Mensch Link und Link und als Autor Link ). Und sein Sprung wurde beamen genannt. Beamen geht auch durch die Zeit, doch steht nicht zu vermuten, dass diese Namensgebung im Vorgriff auf das phänomenale Ereignis des Jahres 1968 erfolgte, sondern in Ableitung vom englischen Wort für Richtstrahl.

Zum genannten Zeitpunkt war die neue Fernsehserie »Star Trek« bzw. in Deutschland »Raumschiff Enterprise« in den USA gerade einen Monat alt (Start: 8. September 1966), noch nicht sehr berühmt und schlecht finanziert. Deshalb brachte man keine ordentlichen Trickszenen für Raumschifflandungen zustande und trickste. Gene Roddenberry oder einer seiner Mitarbeiter war auf den Gedanken gekommen, das als Quantenteleportation in der Physik diskutierte Phänomen (Link und Link und unter EPR) einfach als Zukunftstechnik für den Transport von Gegenständen und Menschen auszugeben. Man brauchte nur eine Filzscheibe auf dem Boden und anderen Schnickschnack in der Dekoration, etwas Dematerialisierungsgeflimmer, einen Umschnitt und wieder Materialisierungsgeflimmer, um filmisch beliebige Ortswechsel vorzunehmen. Und da es Roddenberry nie primär um Technik, sondern um Menschen und philosophische Fragen ging, versagt in der hier zitierten Folge 5 oder 6 die Technik (über die Nummerierungen von TOS streiten sich die Spezialisten, doch heißt sie »The Enemy Within« oder deutsch »Kirk : 2 = ?«). Dadurch wird Kirk verdoppelt und so eine Auseinandersetzung mit der Frage der Individualität und von Gut und Böse im Menschen möglich (Link ). – Was dieses Ereignis zugleich zeigte: dass man die Transporter doch eigentlich auch als Replikatoren oder zum Klonen verwenden könnte, was nie so recht aufgegriffen wurde.

Ähnliche Beam-Pannen passieren immer wieder einmal, trotz der ausgeklügelten Zukunfts-Technik, die etwa unter Link oder Link inklusive Biofilter und allem, was dazu gehört, beschrieben wird. Diesen Beschreibungen entnimmt man, dass das Prinzip ganz einfach ist: Der Transporter oder Transmitter – nicht etwa der Beamer (siehe dort), der ist was anderes – erfasst exakt die Lage und Zustände aller Atome des Körpers und verwandelt sie – also Materie - in Strahlung. Diese Strahlung wird auf den Zielort bebündelt, und dort werden daraus wieder alle Atome des Körpers gemäß dem gespeicherten Muster rückgewandelt. Klar gibt es ein paar kleine Einschränkungen, wie die, dass es nicht bei Überlichtgeschwindigkeit funktioniert – also beim Flug mit Warp-Antrieb. Dann kommt logischerweise der Strahl nicht mit, und man wundert sich, warum man nie den Transporter des Raumschiffs erreicht, sondern als Energie im Kosmos herumhängt (mehr siehe Link ).

Diese Einschränkung ist noch das Realistischste der Beam-Technik. Denn auch wenn es vor einigen Jahren dem Physiker Anton Zeilinger (siehe unter Zeitraum) gelang, ein Lichtteilchen über mehrere Meter zu teleportieren, wobei das Photon unendlich schnell vom Ausgangsort zum Ziel sprang (Link und Link ), so hat das mit dem Beamen von Kirk so viel zu tun wie der Urknall mit der Entwicklung von Ohren: Es gäbe keine Ohren, wenn es kein Universum gäbe, und keinen Körper, wenn es keine Atome bzw. subatomaren Teilchen gäbe, doch damit hat es sich auch. Einige der Problemchen werden etwa beschrieben unter Link , Link , Link und Link , wesentliche sind: Datenkapazität, Energiebedarf, Unschärferelation und das Körper-Geist- oder Leib-Seele-Problem.

Geschätzt wird, dass ein menschlicher Körper aus 10 hoch 23 Atomen besteht. Diese müssten alle in ihrer räumlichen Lage gescannt werden und auch in ihrem Zustand, so dass pro Atom jeweils mehrere Byte anfallen würden. Was dann an Speicherkapazität herauskommt, wäre ein Zigfaches dessen, was heute insgesamt auf allen Informationsträgern (auch Bücher, Karten usw.) der Erde gespeichert ist. Und diese enorme Datenmenge müsste auch verrechnet werden, wozu wohl selbst Data mit seinem positronischen Gehirn nicht in ansprechender Zeit in der Lage wäre. – Und was nutzt ein Beamvorgang, der vielleicht Monate oder Jahre braucht? Aber viele werden dennoch die Hoffnung nicht aufgeben wollen, dass irgendwann die DV so weit sein könnte ...

Na gut. Wie aber wird die Materie zu Strahlung? Durch einen derart hohen Energieinput, dass man das Äquivalent von 100 Wasserstoffbomben mit je einer Megatonne benötigte, um den guten Kirk bis auf die subatomare Ebene zu verdampfen: Frieren würde er dabei gewiss nicht, denn »er« würde dabei sehr, sehr viel heißer als das Innere der Sonne. Wenn das Schiff nicht mit in Strahlung zerlegt werden soll, müsste man wohl auch ein wenig kühlen. Dazu bedarf es wieder einiger Atomkraftwerke pro Beamvorgang. Aber viele werden dennoch die Hoffnung nicht aufgeben wollen, dass irgendwann die Technik so weit sein könnte und beispielsweise die später wieder freiwerdende Energie schon im Vorgriff recycelt. Paradoxien sind doch so schön.

Bleibt dummerweise immer noch die Heisenbergsche Unschärferelation. Sie besagt, dass Ort und Impuls (oder Zeit und Energie) subatomarer »Teilchen« als komplementäre Größen nie gleichzeitig mit hoher Genauigkeit messbar sind. Und zwar prinzipiell nicht, und nicht wegen technischer oder wissenschaftlicher Schwächen. Das aber heißt, der exakte Zustand der Atome im System »Kirk« ist niemals ganz exakt feststellbar, geschweige denn reproduzierbar. Ja, der Messvorgang selbst würde das System verändern. Daran ändert auch nichts, wenn die klugen Wissenschaftsberater der Serie flugs noch den »Heisenberg-Kompensator« erfunden haben – als Begriff wohlgemerkt, wie Warp-Antrieb, passierbare Wurmlöcher u.a., nicht als Technik. Das sollten wir trotz schöner Beschreibungen in technischen Handbüchern oder halbwissenschaftlichen Darstellungen dieses Fantasie-Universums (empfehlenswert etwa das Subraum-Manual von Christian Rühl Link ) nicht verwechseln.

Ja, und dann gibt es noch ein nichttechnisches Problem: Die Ent- und Re-Materialisierung setzt in extremer Form den Materialismus voraus. Das heißt, der Mensch ist auch als wissendes, denkendes, empfindendes Ding nichts anderes als die »richtige« Anordnung seiner Körperatome. Setzt man den Gebeamten wieder materiell zusammen, dann ist er auch wieder das alte Individuum, das Ich mit seinen Erinnerungen, Gefühlen, seinem Glauben, Willen, Bewusstsein. Dieser vollständige Materialismus aber steht im Gegensatz zu wesentlichen Anlagen der ganzen Serie, seiner Charaktere und Ethik (siehe diverse Stichwörter von Data über Picard und Roddenberry bis Star Trek-Universum) und wird auch durch den doppelten Kirk nicht gerade bestätigt: Denn wenn er (was auch technisch schon bei aller Großzügigkeit nicht gehen könnte, weil der Input an Masse wundersam vermehrt würde) schon gedoppelt würde, dann müsste diese zweifache Produktion auch zu identischen Ichs führen und nicht zu zwei moralisch unterschiedlichen Wesen, einer guten und einer bösen Ausgabe. Es sei denn - ja klar! -, in seinem Gehirn wurden bei der Dopplung einige Bereiche falsch rematerialisiert, womit zugleich bewiesen wäre, dass Charakter einzig eine Frage des Bauplanes ist.

Gut, akzeptieren wir auch noch das. – Aber gibt es da nicht Folgen, wo sich zum Beispiel durch Beamfehler Besatzungsmitglieder in Kinder rückverwandeln (133: Rascals bzw. »Erwachsene Kinder«: Link )? Wie schafft es der Transporter, sie durch Fehler immer individuell mit dem passenden Kinderkörper »von damals« auszustatten, dabei aber das neue Gedächtnis zu erhalten? Sollte hier vielleicht gerade das Gehirn erhalten worden sein? »Steckt« überhaupt alles Emotionale und Geistige einzig im Gehirn? Oder - heureka, wieder find ich die Erklärung! - nicht der Materialismus ist der Vater des Beamens, nein, der perfekte Dualismus: Körper und Geist sind vollkommen unabhängig voneinander, wie schon Platon und Descartes predigten! Die virtuelle Seele flutscht beim Beamen raus aus dem alten und wieder rein in den neuen Körper: Seelenwanderung auf Knopfdruck! Und die Seele hat alle Erinnerungen, Träume, Hoffnungen, Sorgen usw. im virtuellen Handgepäck.

Nein, liebe Trekker, gerade die vielleicht laienbekannteste Errungenschaft des Star Trek-Universums, das geradezu in die Alltagssprache eingegangene Beamen – das wohlweislich nicht Im Spiegel der Möglichkeiten verwendet wird - ist die unausgereifteste, ja absurdeste Technik. Klar, das schlappe Budget zum Serienstart war schuld, darum müssen wir die Folgen hinnehmen. Doch beam me up, Scotty rufe ich bestimmt nie aus!


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