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ZEIT  
Zumeist haben wir sie nicht, knausern damit, ist sie uns kostbar und zu kurz, müssen wir sie sogar stehlen. Bei anderer Gelegenheit aber schlagen wir sie tot oder verstehen beim Warten nicht, warum sie stillzustehen scheint: die Zeit.

Newton postulierte, dass Raum und Zeit absolute, also unabhängige und unveränderliche Größen sind (Link , Link oder Link und in einem schönen Überblick: Link ), sonst wäre seine ganze Physik bzw. Mechanik in sich zusammengebrochen, und wir könnten nicht in der Schule so schöne Diagramme mit t-Achse (Zeit) und x-Achse (Strecke) zeichnen und dahinein Gerade oder Kurven für Bewegungen (vgl. Link , Link oder Link ). Das klappt ja auch bestens, so lange wir zwei Bedingungen einhalten. Erstens, dass wir so tun, als wären die menschengeschaffenen Vereinbarungen und Gerätschaften objektiv. Dann ist selbstverständlich Zeit das, was wir mit Uhren messen. Und da diese stetig und gleichförmig messen, ist es auch die Zeit. Zweitens müssen wir in der »mittleren Welt« mit ihren Stoppuhren und Kampfrichtern oder Radarfallen und Polizisten bleiben, und die Schupos und Richter dürfen sich auf keine Diskussion über die Relativitätstheorie einlassen. Denn im Mikrokosmos wie auch im Kosmos ist die Zeit nicht mehr vom Raum zu trennen und die Raumzeit hat Buckel und Beulen und Blasen und Brücken und (Wurm-) Löcher. Diese Raumzeit steht unserem Zeitempfinden viel näher, doch nicht, weil sie subjektiv wäre, sondern weil sie relativ ist – und das ist ein relativ großer Unterschied.

Platon hatte das Problem subjektiv - objektiv sehr elegant gelöst: Die objektive Welt ist die der Ideen außerhalb der Natur. Die Natur aber ist nicht nur subjektiv, sondern sogar trügerisch. Zeit ist in der Natur und daher Scheinbewegung. Das hatten schon Zenon und andere Eleaten behauptet und mit Paradoxien, wie dem Wettlauf des Achilles mit der Schildkröte, zu belegen versucht. Platon – ohnehin vom Wiedergeburtsglauben überzeugt – modifizierte, dass Zeit wie ein vollkommener Kreis sei: weder Anfang noch Ende und stete Wiederkehr. Somit ist sie vordergründig bewegt, hintergründig aber Abbild der Harmonie und Vollkommenheit, die sich auch in den Kreisbahnen der Planeten und Gestirne spiegelt.

Aristoteles war einer der ersten, die behaupteten, dass Zeit nicht selbst der Fluss, die Bewegung sei, sondern Ausdruck der Bewegung, gleichsam ein Unterschied zwischen Zuständen. Er dachte prozesshaft, mit Anfang und Ende, benötigte deswegen das »Unbewegt Bewegende«, um die Prozesse in die Welt zu bekommen, sowie ein letztes Ziel, dem sie zustreben. Im Spiegel der Möglichkeiten wird an Beispielen gezeigt, dass dieser dynamische »Eigenzeitansatz« sehr moderne Grundzüge hat. Auch die Zielursache (auch, ja gerade die Bewegung braucht bei Aristoteles einen Sinn) gewinnt wieder wissenschaftliche Bedeutung durch die Chaostheorie und die Abkehr vom rein mechanischen Kausaldenken (siehe: Ursachen und Kausalität).

Erst Newton definierte dann – wie gesagt – die absolute Zeit als unabhängig von der Bewegung der Materie. Zeit und Raum wurden gleichsam zu »Behältern« für die sich in ihnen bewegende Masse bzw. wirkenden Kräfte. Dem widersprach schon Leibniz, der seiner Zeit weit voraus war und die Zeit als »die Verhältnisse der Positionen von Ereignissen hinsichtlich ihres Nacheinanders« verstand (und Raum als Verhältnis der Dinge zueinander). – Es ist somit die Gegenposition zu Newton, weil es die Dinge sind, über die Zeit und Raum definiert werden. Damit wob Leibniz Aspekte der alten aristotelischen und späteren Einstein'schen Definitionen zusammen.

Bei Kant ist die Zeit (wie der Raum) eine apriorische Anschauungsform. Das heißt, Raum und Zeit sind nicht an sich absolut, doch alle unsere sinnlichen Erfahrungen werden durch diese Formen gepresst. Sie sind Bedingungen für Erfahrung, schon vor dem Denken und nicht selbst aus Erfahrung herzuleiten. Die »Denkform Zeit« sagt uns »nacheinander« oder »zugleich« (Link ).

Dem widerspricht nun wieder die evolutionäre Erkenntnistheorie. Denn diese geht gerade vom Werden auch der Anschauungsformen oder Kategorien aus. Es sind Instrumente der Ordnung, die die Evolution selbst geschaffen hat. Dieses Modell wird in meinem Buch favorisiert.

Einstein legte dann das Modell der absoluten Zeit zu den Akten. Er konnte nämlich zum einen zeigen, dass Zeit und Raum untrennbar sind und die Raumzeit von Massen gekrümmt wird, und zum andern, dass Zeit von der Eigengeschwindigkeit des Beobachters abhängt (verständliche Einführung unter Link und nicht unverständliche Vertiefung unter Link (dann oben auf "Raum und Zeit klicken)).

Inzwischen ist nicht nur der Physiker Julian Barbour (Link , Link ) der Meinung, man könne die Zeit ganz aus der Physik verbannen, weil eine abgeleitete Größe letztlich aus den »Beziehungen zwischen den Dingen« sei. Er nennt sein dementsprechendes Projekt »Platonia« (Link und Link ), womit wir wieder am Ende einer kleinen Zeitschleife wären, die hier mit Platons Vorstellung begann.

Hat Barbour Recht? – Sicher, wie alle anderen auch! Denn Zeit ist in unseren Köpfen, ist Ordnungsmodell, ist das, was man sich vereinbarungsgemäß so vorstellt bzw. nach und nach mit Messvorschriften definiert hat (dazu ein paar schöne Seiten: Link , Link und Link ). Zeit ist etwas, worauf man sich zur Kommunikation mit anderen geeinigt hat (Link ). Das vertritt nicht nur Jean Baudrillard (Link , Link , Link , Link , Link ). -- Wir zeiten, wie es Im Spiegel der Möglichkeiten heißt und erklärt wird, und verdinglichen die Chimäre. Zeit hat nur deshalb eine Richtung, weil wir so erleben (Link ). Zeit ist nicht nur physikalisch relativ, auch und vor allem psychisch (Link und Link ). Dabei will ich von der Traumzeit, die man weder mit Träumen noch mit "zeiten" verwechseln sollte, gar nicht reden (Link , Link , Link , Link ).

Der russische Nobelpreisträger Ilya Prigogine (Link , Link , Link , Link ) geht wieder - wie schon Aristoteles und später Hegel - davon aus, das jedes System bzw. Wesen seine Eigenzeit hat (Link , Link ; Zwillingsparadoxon der Relativitätstheorie: Link ; Evolution: Link ). Dass viele innere Uhren in ähnlichen Rhythmen laufen (Link ), ist natürlich, weil in Anpassung an Tages- bis Jahresgänge genetische Fixierungen erfolgten. Doch ein innerer Rhythmus (Link , Link , Link , Link , Link , Link , Link ) ist noch kein Zeitempfinden, geschweige denn ein bewusstes.

Tendenziell läuft die subjektive Zeit wohl umso langsamer, je größer ein Wesen ist (darum sieht wohl die Fliege unsere Hand, die sie fangen will, wie in Zeitlupe und hat kein Problem, ihr auszuweichen). Somit hat im Selbsterleben wohl die Eintagsfliege ein ebenso langes Leben wie der Elefant (oder auch der Mammutbaum oder Gaia, denn wer will wo die Grenze ziehen zwischen »zeitenden« Systemen und »nichtzeitenden«, obwohl alle Systeme sich in Prozessen organisieren und erhalten?).

Etwas, das es objektiv gar nicht gibt, kann letztlich in einer Definition nicht wirklich falsch oder richtig sein. Deswegen ist für eine bestimmte Epoche und für unterschiedliche Zwecke jedes Zeitmodell richtig. Mit Newton kommen wir im Alltag bestens zurecht, obwohl es »nicht stimmt«. In den Dimensionen außerhalb unserer sinnlichen Erfahrung aber kann die Zeit auch rückwärts laufen, etwa im Reich der Quanten, möglicherweise auch in der kosmischen Dimension, in der zumindest ein »Einfrieren« in schwarzen Löchern gegeben ist und »Wurmlöcher« nicht völlig absurd sind. Hat dann unser Erleben oder die Physik oder die Mathematik »Recht«?

Mit unseren klassischen physikalischen Gesetze eliminieren wir oft die Zeit insofern, als Erhaltungssätze die Rückführbarkeit fordern: das Gleichheitszeichen ist zeitlos. Nur die Geschichte – und die schreibt einzig unser Bewusstsein – ist unumkehrbar. Das gilt auch für die Geschichte unseres »Universums« (ein paradoxer Begriff, weil man von vielen Welten ausgehen und daher von Multiversen sprechen sollte), die wir uns in diesen Jahrzehnten bewusst machen: Es entsprang – gemäß unserer Erkenntnisfähigkeit – einer Asymmetrie, eben einem »geschichtlich relevanten Ereignis«. Relevant vor allem auch in dem Sinn, dass im so genannten Urknall die Zeit unseres Universums erst entstand. Ebenso der Raum. Und da beide sich erst formten und von Massen abhängig sind, galten auch unsere physikalischen Gesetze in den allerersten Ausfaltungsphasen noch nicht, so dass auch Überlichtgeschwindigkeit theoretisch möglich war, wie das Modell der »inflationären Entwicklung« annimmt (vgl. Urknall und kosmische Evolution).

Und was war vor der Zeit? Das ist eine Frage, so formulierte es Steven Hawking, die ebenso geistreich ist wie die nach den Ländern nördlich des Nordpols. Es war das Unbewegte, die Ewigkeit, eine – auch im Denken – nie zugängliche Dimension. Das erkannte schon Aristoteles und auch Augustinus, der sagte, Gott habe nicht die Welt in die Zeit gesetzt, vielmehr Zeit und Welt zusammen geschaffen. Er, Augustinus, sagte aber auch noch etwas anderes, das oft zitiert wird: »Was also ist die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.«

Was also bleibt? »Ein großes und doch alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach ...« Der, der das sagte, der schrieb eine Unendliche Geschichte, schrieb über die Zeiträuber (»Momo«) und hat den endlichsten und damit zeitlosesten aller Namen: Ende. Wenn je etwas zum Ende kommt, der Prozess ausläuft, kann keine Zeit mehr sein. Wenn wir zu unserem Ende kommen, erreichen wir diesen Zustand, sind zeitlos, tot, auch wenn viele es lieber ewig nennen (vom »ewigen Leben« zu sprechen ist aber ebenso sinnlos wie nördlich des Nordpols, denn Leben ist Aktion. Und Ewigkeit kann nicht die endlose Reihung von Endlichkeiten sein.)

Wenn Sie, wozu Michael Ende auffordert, sich die Zeit nehmen wollen, um noch weiter über die Zeit nachzudenken, so finden Sie vieles in meinem Buch und noch mehr in anderen Büchern (dazu eine Aufstellung in der empfehlenswerten Page »Zeitreisen« Link oder Link ).

Ich beschränke mich, über die bereits genannten oder unter den anderen Stichwörtern erwähnten Links hinaus auf einige wenige:
– zur (astronomischen) Zeitmessung ein Aufsatz von Dirk Husfeld Link und ergänzend Link /> – Vortragsfolien »Raum und Zeit« von Othmar Marti Link /> – »Phänomen Zeit«, eine sehr informative Page mit vielen Links, Geschichtsdaten, Literaturhinweisen und einem schönen Beitrag zu Zeitmessung und Uhren Link /> – Manuel Uhls auch optisch sehr gut gemachte Seite rund um die Zeit, u.a. mit Chat und Forum Link
– zwei ein beziehungsreiches Bild von Alois Reiss: Link
– »Zeit im Magazin« Link mit literarischen Beiträgen.

Was, Sie nehmen sich immer noch immer Zeit zum Lesen? Dann muss wohl ein Rauswerfer her!:

Zeit regelt die Welt,
teilt in zuvor und danach,
in jetzt und vorbei,
in bald und nie.

Zeit ist nur Illusion,
ist Ordnung aus Menschengeist,
entsprungen der Evolution,
zu regeln das Spiel,
in causa und effect,
in Teil zu Teil,
in Stücke des Eins.



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