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VIRTUALITÄT  
Virtualität heißt die Schachtel, in die jene, die kreativ, frei, modern und trendy erscheinen wollen und einen PC haben, ihre oft halbgare Suppe kippen, damit jene, die kreativ, frei, modern und trendy erscheinen wollen und einen PC haben, sie auslöffeln.

Was, Suppe kippt man nicht in Schachteln? Wenn Sie so traditionell denken, dann haben Sie die Message dieser Trendsetter nicht verstanden: Es geht doch nicht ums antiquierte Essen, um Appetit, Tischhygiene und Nährwert. Es geht nicht um die Suppe, die nur Illusion ist. Es geht um die Schachtel. In die kann man alles kippen, was es real nicht gibt, offensichtlich aber dennoch eine Schachtel braucht. Vielleicht deswegen, weil an dieses Nichts paradoxerweise dennoch Bedingungen gestellt werden: Es soll aus möglichst vielen digitalen Daten bestehen. Denn dann kann die Schachtel zeigen, dass Sie diese in möglichst kurzer Zeit so durchmischen kann, dass möglichst ansprechende und bewegte 3D-Bilder entstehen.

Ansprechend heißt in diesem Fall: so natürlich, dass ein hoher Indentifikationswert resultiert, und doch so verfremdet, dass man das technische Wunder des Neuen unmittelbar erkennt. Was resultiert, sind nicht selten so aufdringlich-alberne Wesen wie der Telekomiker, der uns in jeder Werbung nervt, und auch im pinkfarbenen Fenster all jene, die sich bei T-Online einloggen (als Alternative hier wenigstens ein lustigeres Beispiel: Link ). Ohnehin heißt es, die Telekom sei ein virtuelles Unternehmen, was ich gern glauben will, weil es kaum möglich ist, über heißlaufende Hotlines, über automatisierte Antwortmails und Tonbandstimmen hinaus zu einem Menschen aus Fleisch und Blut vorzustoßen. Und wenn, dann vertröstet er auf einen anderen, der möglicherweise helfen könnte, die ganz realen Probleme mit Leitungen und Modems zu lösen. Der aber bleibt unerreichbar.

Was aber ist ein virtuelles Unternehmen? Während etwa Angebote zu virtuellen Immobilienbesichtigungen oder Stadtrundgängen noch der geschilderten Vorstellung von wirklichkeitsnahen, simulierten Objekten und Bewegungen entsprechen, wird nunmehr aus der Wortschachtel (die man noch fassen kann) eine wahrhaft unfassliche Begriffswolke. Virtualität in diesem Sinn ist irgendetwas Nebulöses zwischen Schein und Sein (»dem Schein nach wirklich«). Was sind virtuelle Verbände oder Firmen (eine Linkliste: Link ), Büros (Link ), Banken (Link ) oder Hochschulen (Link )? Phantome, die irgendwie im Internet »existieren«?

Ist eigentlich dieses Internet ein oder gar »der« Cyberspace? Oder ist der wiederum ein künstlicher, sozialer Lebensraum (siehe auch den anspruchsvollen Artikel von Peter Fuchs Link )? Gehören zum Cyberspace nicht Bildschirmbrille oder Datenhelm und vielleicht Drähte an den Gliedmaßen oder die Bewegung auf einem sensiblen Untergrund oder vielleicht die Softwear (siehe dort)? Braucht man nicht für den Cyberspace und die Virtualität solche technischen Dinge als Wirklichkeitsprothesen (Link )? Natürlich (welch paradoxer Begriff in diesem Zusammenhang!) haben die Extropier diese Technik und – anmaßend wie sie sind – gleichsam auch die Virtualität erfunden: Wenn wir erst in ihrer neuen Zeit leben, die eine Super-Orwell-Zeit sein wird, werden wir wissen, dass sie sogar die ganze Welt erfunden haben. Im konkreten Fall behauptet Jaron Lanier im Buch »Cyberspace« (hrsg. v. Manfred Waffender 1991), ihr Chefideologe Marvin Minsky (Link , Link , Link , Link und seine homepage Link ) habe 1965 die Bildschirmbrille erdacht. Tatsächlich hat aber der polnische Sciencefiction-Autor Stanislaw Lem (Link und zu seinen Visionen unbedingt: Link ) unter dem eigentlich viel treffenderen Begriff der »Phantomatik« schon 1964 diese Brille in seinem Buch »Summa technologiae« beschrieben (Link ). In Lems Geschichten um die Phantomatik wird deutlich, um was es im Spannungsfeld zwischen Realität und Virtualität eigentlich geht, nicht technisch. Unbedingt lesen sollte man auch seine Entdeckung der Virtualität (Link und mehr unter dem Stichwort Internet).

Virtus heißt nicht nur das Kompetenzzentrum in Nürtingen (Link ), virtus heißt im Lateinischen die (männliche: vir) Kraft oder das Vermögen, gerade auch im Sinn der Tugend (vgl auch Link ). Virtualität ist somit Möglichkeit (und deswegen im Eingangsabsatz dreifach als paradoxe Merkmale des Nichts in die Schachtel geworfen: möglichst viel, möglichst schnell, möglichst ansprechend). Jedoch war mit der Virtualität im alten Sinn keinesfalls an irgendeine nebulöse oder gar rein fantastische Möglichkeit zu denken, sondern an eine konkret realisierbare: Ein real möglicher, jedoch (noch) nicht gegebener Zustand. Das Virtuelle liegt in seiner ursprünglichen, auf die Griechen zurückgehenden Bedeutung in Reichweite. Bei Aristoteles besaß jedes Wesen seine individuelle Möglichkeit, die es zu entfalten galt. Das Virtuelle hatte also bei ihm auch Zielcharakter. Bei den Römern war nicht zuletzt das Heldentum Ziel (Tugend und Schmuck), virtus daher vor allem die Manneswürde.

Jürgen Meyer schlägt in seinem Referat über Virtuelles in Physik und Literatur (Link als einen von mehreren lesenswerten Beiträgen zur Virtualität in der philosophischen und vor allem literarischen Auseinandersetzung unter Link ) hinsichtlich der virtual reality sogar den Bogen zurück bis zu den Vorsokratikern, speziell den Atomisten Leukipp, Demokrit und Epikur: Die Bausteine der Materie bieten nach dem »Legomodell« viele realisierbare Möglichkeiten, gleichsam Parallelwelten, die im Begriff der Virtualität verborgen sind. Ganz ähnlich wie Im Spiegel der Möglichkeiten spannt er diesen Bogen über Thomas von Aquin, Leibniz und Kant bis in die aktuelle Atomphysik, die durch die Äquivalenz von Materie und Energie und den Welle-Teilchen-Dualismus und damit die Erkenntnisse von Einstein, Schrödinger usw. charakterisiert werden kann. Seine Bezüge zur populärwissenschaftlichen Literatur (Hawking, Hofstadter, Capra) wie auch zur Belletristik deuten an, was in meinem Buch zentral ist: die literarische Durchdringung von Physik und Fantasie bis hin zu ethischen Ansätzen, die unter dem Begriff der Virtualität ja ursprünglich angelegt sind (Tugend: mit was will man sich schmücken, was erreichen, wohin sich entfalten, dabei immer im realen und realisierbaren Rahmen).

Birgit Mersmann behandelt in ihrem »Versuch einer terminologischen Verdichtung« (Link ) insbesondere das Verhältnis zur Kunst (und Künstlichkeit). Katrin Klöppinger setzt sich mit gesellschaftlichen Aspekten auseinander (Link ). Meines Erachtens zum realen »Kern der Sache« stößt Udo Thiedeke vor, wenn er die Frage nach der Virtualität (Link ) beantwortet mit: »In der Virtualität zeigen sich Alternativen zum Verwirklichten. Virtualisierung ist der Prozess, in dem die Grenzen der gültigen Wirklichkeit ins Mögliche verschoben werden, und virtuell sind Dinge, Zusammenhänge und Beziehungen, wenn ihr wesentliches Merkmal die Möglichkeit der Überschreitung bisher in diesen Bereichen geltender Grenzen ist. - Virtualität hält Möglichkeitshorizonte offen, weist Optionen auf, die vorher nicht oder nicht in dieser Weise bestanden haben und die jetzt zur Verfügung stehen und somit an die Realität heranrücken. Dabei weist Virtualität ein artifizielles Moment auf. Sie ist in ihrer Abweichung von den gewohnten Rahmenbedingungen herbeigeführt, ja hergestellt. Es handelt sich bei virtuellen Sachverhalten um Fakten (Gemachtes) und nicht um Daten (Gegebenes). Genauer gesagt handelt es sich um konstruierte Wirklichkeitsalternativen.«

Virtuelle Zustände oder Welten sind also konstruierte, doch realisierbare Alternativen zum Gegebenen. Zur Konstruktion, zur Simulation, zur Modellierung kann uns der Computer in hervorragender Weise helfen. Er ist jedoch nur Werkzeug. Das Entscheidende und Grenzverwischende gegenüber herkömmlichen Techniken aber ist, dass wir auch die realen Zustände digitalisieren können und somit – insgesamt ein Phänomen den »Neuen Medien« – kaum noch Prüfkriterien besitzen für die Unterscheidung von Abbildung der Realität, Verzerrung der Realität oder Inszenierung einer Scheinrealität. Realität wird abstrahiert und Fantasie realisiert (Link ). Längst werden in den Medien aktuelle und aufgezeichnete, reale und nachgestellte, dokumentarische und modellierte Fragmente zusammengemixt (Link ). In unserer »Welterfahrung aus zweiter Hand« haben wir nur noch darin eine gewisse Sicherheit vor völligem Betrug, dass es echten »Enten« in einem pluralistischen System kaum gelingen wird, über alle Sender, Netze, Medien gleichartig und unhinterfragt verbreitet zu werden. Doch auch diese Teilsicherheit hat dort die Grenzen, wo es Informationsmonopole gibt. So wurde bekanntlich im Golfkrieg teilweise eine Pseudorealität inszeniert und weltweit als Wahrheit verkauft (General Schwarzkopf am 27.2.91 \"Vieles, was bekannt gegeben wurde, war sorgfältig zusammengestellte Desinformation.\", Link , Link , Link und Link , wie auch Link , Link und Link ). Und wer könnte, um ein Beispiel des technischen Monopols zu nennen, außerhalb der NASA die Bilder und Nachrichten aus dem Weltraum empfangen und prüfen?

Wenn also in meinem Buch Iris und Elena durch einen Internetkontakt die Grenze zwischen Realität und Virtualität zunehmend nicht mehr zu greifen vermögen und die ganze Anlage des Romans die der Spiegelung ohne klare Positionierung von hier real, dort irreal ist, so handelt es sich nicht mehr um eine Fiktion, nur mehr um eine Karikatur dessen, was schon alltäglich ist. Dass dabei der Rahmen der Möglichkeiten aus naturwissenschaftlichen, historischen, kulturellen, erkenntnistheoretischen Bedingungen thematisiert wird, schien mir konsequent, weil nicht reine Fantasie, vielmehr Virtualität im oben definierten Sinn der roten Faden ist (der zu einem Möbiusband geknüpft wird).

Gerade als Thema der Erkenntnis spielte die Frage der Virtualität immer eine besondere Rolle, bis hin zu der etwa von Berkely vertretenen Leugnung von der Existenz einer materiellen Welt außerhalb des menschlichen Bewussteins oder dem Solipsismus, der besagt, alle Wirklichkeit existiere nur im eigenen Bewusstsein (siehe jeweils unter diesen Stichwörtern). Persönlich gehe ich nicht so weit, halte aber die Frage für sehr angebracht, ob Realität (jeweils) genau die virtuelle Welt ist, in der bewusste Wesen leben? Ich denke im Sinn des (radikalen) Konstruktivismus (Link (mit weiteren links) , Link , Link , Link , Link und mit vielen Infos und Links Link ), dass Realität als ein Konstrukt der Wahrnehmung und Kommunikation erscheint und nicht objektiv gegeben ist. Wie auch immer, für unsere »reale« Welt ist zumindest die Feststellung zu treffen, dass sowohl durch die Physik des 20. Jahrhunderts wie auch und gerade durch die Medien Realität kaum noch statisch gesehen wird, vielmehr als ständiger Übergang zu Neuem, zu Anderem, zu immer mehr Möglichkeit. Realität zerfließt, Virtualität wird zur neuen Wirklichkeit.

Wer noch ein paar ganz reale Bücher zum Thema lesen möchte, dem hilft vielleicht: Link und hartgesottenen Konstruktivisten: Link sowie zur Manipulation durch die Medien: Link

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