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CAPRA, FRITJOF  
Für fünf Tage Osterurlaub war das Buch eigentlich viel zu dick. Aber es sah spannend aus. Also mitgenommen, verschlungen, kaum was vom Gardasee gesehen, doch eine Wendezeit erlebt. Das war 1988. Der Schinken war schon einige Jahre alt und betitelt wie dieses, mein Erlebnis: »Wendezeit«. Doch es war für mich keine Wende im Sinne einer Umkehr, mehr im Sinne des Umwendens einer Buchseite. Also so, wie es ist, wenn man schon teilhat am Behandelten und ahnt, was auf der nächsten Seite folgen wird, aber dennoch vom Witz des Autors überrascht wird. Dieser Autor ist ein österreichischer Atomphysiker namens Fritjof Capra.

Was er - nicht nur in diesem Buch - behandelt, das ist der »Paradigmenwechsel«, das Gewinnen einer neuen und zeitgemäßen Weltsicht: Ich denke, schlichtweg als Notwendigkeit, wenn wir zukunftsfähig werden wollen. Diese Weltsicht ist auch der Kern meines philosophischen Abenteuerromans Im Spiegel der Möglichkeiten, in dem Capra selbstverständlich nicht fehlt. Das heißt jedoch nicht, dass ich seinen New-Age und Esoterik-Eifer teile. Philosophisch kann man der Bewegung (Einordnungen: Link , Link , Link ) zwar einiges abgewinnen (Link ) und das Thema Physik und New-Age ist schon spannend (Link ), doch sollte man sie m.E. distanziert-kritisch sehen (Link ) und auch nicht als Religion missverstehen (Link ). Vor allem ist es (wozu Capra nichts kann und wovon er sich wohl auch distanziert, aber auch das ist Zeitgeist) eine sehr, sehr kommerzielle Branche zwischen Tempeltanz und Firlefanz geworden.

Vielleicht nicht untypisch ist, dass ich trotz langer suche keine deutschsprachige Biografie Capras fand, außer der im Lexikon der Esoterik (Link und - gleichsam zum Gegenpart -- in einem Referat der Internet-Bibelschule: Link ). Daher sei auf seine eigene Homepage verwiesen (Link ), die aber auch nicht viel biografisches enthält. Er wurde am 1. Februar 1939 in Wien als Sohn der Lyrikerin und Autorin Ingeborg Capra-Teuffenbach geboren. Er charakterisierte selbst seine Jugendeinstellung in den Fünfzigern als »Rebell ohne Anliegen«, dem in den Sechzigern die konkrete Gesellschaftskritik und das Engagement für die Gegenkultur folgte.

Capra studierte und promovierte (1966) in seiner Heimatstadt und tingelte dann mit Lehr- und Forschungsaufträgen v.a. als Hochenergiephysiker durch mehrere Universitäten bzw. Laboratorien: Paris (1966-68), Santa Cruz (1968-69), Stanford (1970; Scheidung von seiner 1. Frau) und London (1971-74). Doch schon seit April 1970 war der damalige »Teilzeithippie« (in Amsterdam nahm er im konventionellen Anzug an einem Kongress teil und schlief nachts mit Blumenhemd und Sandalen im Park) nicht mehr als theoretischer Teilchenphysiker »im Brot«. Vielmehr arbeitete er über den Zusammenhang des naturwissenschaftlichen Weltbilds mit Kultur und Gesellschaft, wobei ihn speziell die fernöstliche Philosophie und Mystik faszinierte.

1971 schrieb er einen ersten Aufsatz über Parallelen zwischen Atomphysik und östlicher Mystik. Ohnehin schon von den Theorien Werner Heisenbergs fasziniert, den er 1972 persönlich traf und der ihn weiter inspirierte - und auch einige Zeit in Indien (1929 bei Tagore) verbracht hatte - sowie durch indische Gelehrte (wie Phiroz Mehta in London) geschult, schrieb Capra das »Tao der Physik«, das nach seiner Rückkehr nach Kalifornien im September 1975 publiziert wurde.

Vereinfacht gesagt ist die Aussagen die einer großen Übereinstimmung zwischen dem Denkbild moderner westlicher Physik und traditioneller östlicher Philosophie. Der Mensch, so folgert er erstmals, wird die Zukunft nur begreifen können, wenn er neben der wissenschaftlichen Methode auch die mystische Dimension der menschlichen Erfahrung in sein Denken und Handeln mit einbezieht. Die wissenschaftlichen Methoden der Physik, die mit den Mitteln des Verstandes die atomare und subatomare Welt jenseits der Sinne zu ergründen sucht, und die mystischen Erfahrungen, die auf Intuition und außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen beruhen, ergänzten sich. Es sind zwei Blickwinkel, um die ursprüngliche Einheit aller Dinge zu erkennen. Dies ist das Tao oder der Urgrund oder Kraft. Dazu ein Auszug unter Link , eine Rezension unter Link und eine kritische Stellungnahme unter Link . Für die physikalische Sicht wurde vor allem die damals neue Bootstrap-Hypothese herangezogen, die das Universum als dynamisches Gewebe untereinander verbundener Geschehnisse versteht (Kurzcharakteristik: Link und im hier relvanten Zusammenhang: Link ).

Dem propagierten wissenschaftlich-ganzheitliches Denken stellte Capra nun die Gegenwartsprobleme in Umwelt, Gesellschaft, Wertvorstellungen und auch Theologie gegenüber und erkannte und forderte die Notwendigkeit des Paradigmenwandels, eben der Wendezeit: Weg vom Weltbild des Descartes und Newton und hin zu einem ganzheitlichen Denken. War das Tao schon ein Erfolg, so wurde die 1982 bzw. 1983 auf deutsch erschienene »Wendezeit« ein Weltbestseller (z.B. 14 Monate in dt. Bestsellerlisten). Die wesentlichen Thesen, die er teils später ausbaute, sind (aus: Link ):
- Die dringendsten Probleme unserer Zeit sind globale, systemische Probleme.
- Diese vielfach vernetzten Probleme sind letztlich Facetten ein und derselben Krise, die im wesentlichen eine Krise der Wahrnehmung ist.
- Die Überwindung dieser Wahrnehmung erfordert einen grundlegenden Wandel unserer Weltbilder und Wertvorstellungen - einen Paradigmenwechsel - in Wissenschaft und Gesellschaft.
- Das Denken des neuen Paradigmas ist systemisches (ganzheitlich-ökologisches) Denken.
- Nur systemisches Denken kann zu langfristig tragbaren Lösungen unserer Probleme führen.

Die Wendezeit (engl. Mindwalk, auch wenn der Original-Buchtitel »The Turning Point« hieß) wurde 1991 auch unter der Regie seines Bruders Bernt Capra mit den Darstellern Liv Ullmann, Sam Waterson und John Heard verfilmt. Das Dreipersonenstück lebt (leider) wesentlich vom Gespräch und vermittelt erst die von Newton und Descartes überkomme mechanische Weltanschauung und führt dann hin zu einem holistischen (ganzheitlichen) Weltverständnis. Abgeleitet wird, dass viele Probleme nur zu lösen sind, wenn es nicht gelingt, die »Krise der Wahrnehmung« zu überwinden und das Denken des Menschen zu ändern. - Dem Stimme ich voll zu, es ist, wie gesagt, auch mein Thema Im Spiegel der Möglichkeiten.

Am Ende seiner (Neben-)Tätigkeit am Lawrence Berkeley Laboratory der Universität von Kalifornien (1975-88) kam auch noch das Buch »Das Neue Denken« heraus, das man lesen sollte, wenn man etwas über Capras Weg und die Wegbegleiter bzw. Anreger wissen und einige Denkwege - auch in Gesprächen - nachvollziehen will.

1996 erschien das »Lebensnetz - Ein neues Verständnis der lebendigen Welt« mit der klassischen Frage: Was ist Leben? Er stellt sie Physikern, Psychologen, Biologen und Kybernetikern und leitet daraus erneut seine Sicht einer ganzheitlichen Wissenschaft ab. Dazu gibt es einen guten und kritischen Artikel unter Link />
Seine Bücher zum Ökomanagement, zur Nachhaltigkeit und grünen Politik halte ich (zumindest für deutsche Verhältnisse) für nicht besonders erwähnenswert. Interessant ist durch die Zusammenstellung der Gesprächspartner der von Capra und Steindl-Rast (Benediktinerpater) im weiteren Gespräch mit Th. Matus (Kenner östl. Religionen und Mönch) die »Wendezeit im Christentum« (1991).

Angekündigt ist für 8/02: »Verborgene Zusammenhänge - Vernetzt denken und handeln in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft«. Dazu heißt es: »Capras unorthodoxe Synthese aus naturwissenschaftlicher Forschung, ökologischer Ethik und spiritueller Selbsterfahrung stellt die bisherigen Grundlagen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Frage. Die entscheidende Herausforderung dieses neuen Jahrhunderts besteht darin, eine ökologisch nachhaltige Gemeinschaft zu schaffen, um unser Überleben zu garantieren. Das aber - so Capras These - kann nur gelingen, wenn wir auch soziale Strukturen als lebendige Systeme begreifen. Jedes der entscheidenden Gebiete - Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft - unterzieht Capra deshalb einer kritischen Analyse und zeigt die Gefahren, Herausforderungen und ethischen Probleme auf (Stichworte u.a.: Globalisierung, Biotechnik, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung, Rohstoffknappheit). Das Ergebnis seiner Bestandsaufnahme macht klar: Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften müssen eine gemeinsame Sprache finden - nur so lassen sich die Probleme der Zukunft lösen. Mit seinem Buch «Verborgene Zusammenhänge» legt Capra ein Modell für ein zukünftiges System vor.«

Das klingt wie Capras Testament. Doch er lebt, mit seiner Frau Elizabeth Hawk und seiner Tochter in Berkley (Kalifornien), und ist bereits als ein Bereiter des neuen Denkens in die Geschichte eingegangen. Nur, die Zeit, in der das neue Paradigma gedacht wird, die wird er nicht erleben. - Hoffen wir, dass die Menschheit es erlebt.


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