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KEPLER, Johannes  
Sehr zu Unrecht steht Johannes Kepler im Schatten von Galilei und Newton. Während die jedes Schulkind kennt und mehr oder minder weiß, dass sie die neue, mechanistische Naturwissenschaft begründeten und die Natur berechenbar machten, ist Kepler – der dabei einen mindestens ebenso großen Schritt ging – zwar keineswegs vergessen, doch weit weniger bekannt. Weniger bekannt auch als Kopernikus, dessen Name für das „Neue Weltbild“ steht: Die »Kopernikanische Wende«, wie Kant dies in seiner Vorrede zu Kritik der reinen Vernunft nannte. Darin fiel astronomisch die Erde wieder (denn das lehrte u.a. schon Aristrach von Samos Link , Link , Link , Link und Archimedes, doch ist es ein Modell, das der christlichen Lehre widersprach) aus dem Zentrum und der Mensch in die Zeit des Zweifels an seiner Zentralstellung in einer einzig für ihn geschaffenen Welt: Das mittelalterliche, zentralistische und hierarchische Selbstverständnis zerfiel.

Gegenüber einer solchen Weltbilderschütterung oder dem vorbereitenden, trotzigen »und sie bewegt sich doch!«, das Brecht dem Galilei in den Mund legte (bezogen auf die Erde, die im damals herrschenden Ptolemäischen Weltbild im Zentrum ruhte), sowie eines Newton, der die klassische Mechanik begründete, in der sowohl die Himmelskörper wie auch die der Erde nach einem Gesetz in ihrer Bewegung berechenbar wurden, scheint es vergleichsweise unspektakulär, wenn einer wie Kepler daherkommt und scheinbar nur feststellt, dass die Planetenbahnen elliptisch und nicht kreisförmig sind. Denn das ist es doch, was wir zumeist dem Lexikon oder Schulbuch entnehmen, z.B: Kepler, Johannes (1571–1630): Deutscher Astronom, der mit Hilfe der äußerst genauen Planetenbeobachtungen von Brahe das heliozentrisches Weltbild des Kopernikus weiterentwickelte, indem er bewies, dass sich die Planeten auf einer Ellipse bewegen. Seine drei Gesetze waren später die Grundlage für das Newtonsche Gravitationsgesetz. Kepler leistete auch wichtige Beiträge zur Optik.

Doch Johannes Kepler brach – rückwirkend eine enorme Geistestat – zunächst mit der klassischen Vorstellung der Harmonie, indem er die Vollkommenheit der Kreisbewegung ebenso wie die Zentralstellung eines Gestirns verwarf. Das fiel ihm äußerst schwer, denn in seinem Erstlingswerk »Mysterium cosmographicum« von 1596 suchte er vor allem die Harmonie im Aufbau des Planetensystems zu beweisen und auch seine Schrift von 1619 ist betitelt »Harmonices mundi«. Weiterhin, und das ist seine gewaltigste Tat, hat Kepler nicht nur wie Kopernikus ein kosmisches Modell entworfen oder, wie Galilei, mathematische Verfahren zur Beschreibung von Beobachtungen herangezogen, er hat erstmals mathematische Gleichungssysteme zur Naturbeschreibung einführte.

Der Lexikonsatz von oben Seine drei Gesetze waren später die Grundlage für das Newtonsche Gravitationsgesetz hat seine welthistorische Bedeutung nicht im Fakt, dass Newton auf drei nützliche Gleichungen zugreifen konnte, vielmehr in der Tatsache, dass Kepler erstmals konsequent Symbole und Formeln an die Stelle realer Zustände oder Ereignisse zur Naturbeschreibung einsetzte. Das was Galilei wollte und vorbereitete und Newton perfektionierte, hat Kepler gleichsam erfunden: Naturgesetze.

Ich sage erfunden und nicht gefunden, wie er und seine Nachfolger und zumeist auch heute noch »der Mann auf der Strasse« meinen, denn sie wirken, um noch einmal Kant zu zitieren, nicht in der Natur sondern in unserem Verstand: Es sind mathematische Beschreibungsmodelle, mit deren Hilfe wir und Modelle der Natur schaffen, die so lange taugen, bis neue Modelle nötig werden.Im Spiegel der Möglichkeiten verstehen dies Wendurs Schülerinnen nicht gleich und er erklärt: Spreche ich vom Baum, so weiß jeder, der je einen Baum gesehen hat, was ich meine. Das Wort erzeugt gewissermaßen ein inneres Bild. Doch besteht das Wort Baum, das sprachliche Symbol, aus vier Buchstaben und nicht aus Wurzeln, Stamm und Ästen. Es wächst nicht, trägt keine Früchte und wirft keine Blätter ab. Das Symbol ist nicht die reiche Wirklichkeit, es ist armer Verweis. Auch die Formeln der so genannten Naturgesetze dürfen nicht mit der wirklichen Natur verwechselt werden. Diese ist immer viel, viel reicher und differenzierter und wird mit der Gleichung nur in Teilen zu symbolisch fassbaren Portionen abgepackt. Ironisch könnte man sagen, die Naturgesetze sind Produkte menschlicher Faulheit. Statt sich mit der Differenziertheit und Einmaligkeit, mit einzelnen Entwicklungen und Unschärfen der Realität auseinander zu setzen, erledigt man Erkenntnis durch Reduktion und Verallgemeinerung. Damit wird die Welt scheinbar klar, einfach und vorhersagbar.

Damit will ich Kepler gewiss keine Faulheit vorwerfen, im Gegenteil: Er schrieb 22 Werke und allein an seinen astronomischen Tafeln, die fast 300 Jahre lang in der Schifffahrt zur Navigation verwendet wurden, arbeitete er 25 Jahre. Auch behaupte ich nicht, er habe die Natur reduktionistisch missachtet. Nein, seine eigene Philosophie ging von der kosmischen Harmonie aus, in der Gott, der verborgene Baumeister, über die Annäherung an seine wundersame Schöpfungsvielfalt erfahrbar werden kann. Die Folge aber ist eine von Descartes philosophisch gerechtfertigte mechanische und deterministische Sicht einer selbst wertlosen und ausbeutbaren Natur, mit der das Geistwesen Mensch nur den ihm wesensfremden und kerkerhaften Körper gemein hat.

Doch das ist eine andere Geschichte, die andernorts – etwa in meinem Roman – erzählt wird. Hier geht es um Kepler, seine Gesetze, sein Wirken und sein Leben, von dem kaum einer weiß, dass er sogar 1610 einen "Roman" in lateinischer Sprache schrieb - wohl den ersten Science fiction Roman überhaupt (andere behaupten Francis Godwin habe im gleichen Jahr „Ein Spanier im Mond" verfasst Link ): Es geht darin um einen Flug ins Weltall und die dabei auftretenden physikalisbhen Phänomene: 350 Jahre vor dem ersten Raumflug.

Dies entnahm ich Roland Bulirschs originellen und mit schönen Bildern illustrierten Beitrag unter Link . Vieles weitere wird auf einigen informativen Seiten von Gymnasien, die seinen Namen tragen, beschrieben. So z.B. die Gesetze auf der Homepage des Kepler-Gymnasiums Tübingen Link oder Weiden Link .

Ohne mathematische Formeln lauten sie:
1. Die Planeten bewegen sich auf Ellipsen, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht.
2. Der Radiusvektor eines Planeten zur Sonne überstreicht in gleichen Zeiten gleiche Flächen.
3. Die Quadrate der Umlaufzeiten zweier Planeten verhalten sich wie die Kuben ihrer großen Bahnhalbachsen.
(kliene Simulation dazu unter Link )

Seine Vita finden wir in tabellarischer Form beim nach ihm benannten Gymnasium seiner Geburtstadt Weil der Stadt Link , wo es zudem ein lohnendes Kepler-Museum Link und eine Sternwarte gibt, sowie auf den Seiten von der Kepler-Gymnasiums Ulm Link , Garbsen Link oder Leipzig Link und der nach ihm benannten Universität zu Link Link .

Zudem verweise ich auf die Artikel von Sebastian Alex Link , den von Peter Ripota Link , das Heft zum Kepler-Jahr FUSION 2/96 Link und die Bücher von Mechthild Lemcke Link (Monografie) und Johannes Tralow Link (Roman).Eine umfassende Gesamtdarstellung gibt es beim Kepler-Gymnasium Freudenstadt Link und eine umfangreiche Linkliste bei dem in Pforzheim Link und beim St.-Michaels-Gymnasium Metten Link

Hier und da erfährt man auch, welch schweres Leben er führte: Frühzeitig halbblind und verkrüppelt, stets in großer finanzielle Not, vom 30-jährigen Krieg, dem Tod von 9 seiner 12 Kinder und der Anklage seiner Mutter als Hexe gezeichnet. Die Inschrift seines Grabes hat Kepler selbst gewählt und in ihr klingt doch der Dualismus an. Sie lautet (vgl. Link ):

Habe die Himmel erforscht,
jetzt irdische Schatten erforsch' ich;
Himmelsgeschenk war der Geist,
schattenhaft liegt nun der Leib.


Und wo finden wir sein Grab, zu dem man doch pilgern müßte? Bulirsch schreibt: Als die Regensburger an einem eisigen Novembertag 1630 seinen Leichnam vor der Stadtmauer begraben – als Protestant durfte er nicht innerhalb der Mauern beerdigt werden – haben sie wahrscheinlich nicht einmal geahnt, daß sie einen der Größten, die Deutschland hervorgebracht hat, der Erde übergaben. Keplers Grab und den Friedhof gibt es längst nicht mehr. Schon 3 Jahre später, 1633, wurde alles zerstört. Auf dem Weg vom Regensburger Bahnhof zur Innenstadt läuft man dort irgendwo über die Gebeine Keplers. (Link )


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