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KOPERNIKANISCHE WENDE  
Wenn wir heute einen von Pratchetts Romanen lesen, dann verstehen wir die dort beschriebene Weltenscheibe natürlich als Satire und wohl auch als Anspielung auf die ach so naive Weltsicht unserer Vorfahren: Denn das, was vor 5000 Jahren für die damalige Hochkultur der Babylonier oder auch für die Ägypter, Inder u.a. selbstverständlich war, das war es auch vor etwa 500 Jahren in Mitteleuropa.

Kolumbus, der den »Erdapfel« kannte – den von Martin Beheim (zu ihm eine informative Seite des nach ihm benannten Gymnasiums unter Link sowie Link , Link ) gefertigten ersten Globus Link – war von der Kugelgestalt der Erde überzeugt, seine Mannschaft der »christlicher Seefahrer« aber fürchtete, irgendwann über den Rand der Erdscheibe zu stürzen.

Obschon in unserem Kulturraum spätestens seit Thales von Milet um 600 v. Chr. und Pythagoras die Kugelgestalt der Erde bekannt war (wenn es oft heißt, Thales habe gelehrt, die Erde schwimme wie ein Stück Holz im Wasser, so ist dies kein Widerspruch sondern die Doppelbedeutung des Wortes Erde als astronomischer Körper (Kugel) und im Sinne von Land in Unterscheidung zum Wasser der Meere). Die Erdkugel galt als das ruhende Zentrum des Universums, was zweihundert Jahre später auch keine Platon und keine Aristoteles in Zweifel zog. Wenige Jahrzehnte nach diesen gingen aber schon Herakleides Pontikos und Eudoxus von Knidos von einer Eigenbewegung der Erdkugel aus, deren Umfang Eratosthenes von Kyrene um 230 v. Chr. schon sehr exakt berechnete(Link , Link , Link ).

Das und einiges mehr kann man im Überblick schön nachlesen bei Bernd Schomburg Link , kurz bei Rudolf Oeller Link (in dessen »Scientific Shortcuts« es zu blättern und zu lesen lohnt) sowie speziell hinsichtlich der Vermessungen unter Link und insgesamt sehr umfassend bei González-Vilbazo Link .

Schon einige Jahrzehnte vor der Erdumfangsberechnung des Eratosthenes entwarf Aristarch von Samos (310 - 250 v. Chr.) das heliozentrische Weltbild: Während die Sterne am Firmament ruhten (»Fixsterne«), drehten sich die Erde und die bekannten Planeten um die Sonne. (Im Vergleich mit dem geozentrischen Modell in einer kleinen Animation nett veranschaulicht unter Link ; einen tabellarischen Vergleich Ptolemäus/Kopernikus/Kepler gibt es unter Link ).

Diese Behauptung brachte ihm schon damals eine Anklage wegen Gottlosigkeit ein, wie beinahe zwei Jahrtausende später dem Galileo Galilei, der das gleiche Weltbild vertrat.

Denn der angeblich größte aller Erdwissenschaftler, Claudius Ptolemäus, vertrat um 150 nach Christus wieder (oder eigentlich weiterhin, da Platon und Aristoteles so bestimmend waren) das »alte« kosmologische Modell mit der Erde als Zentrum des Weltalls. Er untermauerte dies mit einem Rechenmodell, das 55 oder gar 80 verschiedene Kreisschalen (mit Ausgleichsepizykeln) benötigte, auf denen sich Sonne, Mond und Planeten bewegen. Diese Berechnungen der Kreisläufe durch die Tierkreiszeichen waren zugleich, ja sogar primär, ein astrologisches Werk. Die Grundfigur dieses Systems ist nämlich das Horoskop (Link , Link , Link und Link ), das soll angeblich wörtlich heißen: Der Gott, der die Stunde betrachtet und meint das Sternzeichen, das im Osten im Augenblick der Geburt aufsteigt.

Dieses Modell führte zu hoher Vorhersagegenauigkeit und hielt das Ideal der Harmonie (Kreis) und das der Zentralstellung der Erde aufrecht, ja zementiere es. Denn über die Astronomie oder Kosmologie hinaus geht die philosophische und religiöse Bedeutung: Wenn das, was wir subjektiv empfinden - nämlich Zentrum der Welt zu sein - von den großen Philosophen und der Mathematik bewiesen wird und ohnehin das religiöse Bild ist, dann sind Zweifel sehr, sehr fern.

Philosophie, Astronomie und nicht zuletzt die im Mittelalter alles bestimmende christliche Religion gingen selbstverständlich von der zentralen Stellung des Menschen aus. Und so, wie das Weltall aufgebaut war, mit der hierarchischen Abfolge von Schalen um die zentrale Erde, so war auch das religiöse und weltliche System beschaffen und begründet: Die Hierarchie vom Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden im Zentrum über die kirchlichen Ämter hinunter bis zum einfachen Priester und analog das Feudalsystem vom Kaiser über alle Adelsstufen, Stände und Bürger bis zum unfreien Bauern.

Der bibelgläubige Christ war der festen Überzeugung, dass Gott den Menschen als Abbild seiner selbst geschaffen, ins Zentrum seiner Schöpfung gestellt und die Welt wohl geordnet hatte. Ferner, dass Gott dem Menschen alles offenbart hat, was dieser wissen soll, so dass Forscherdrang frevelhaft ist (an des Schöpfers Mitteilungen zu zweifeln oder ihn hintergehen zu wollen) und Wahrgenommenes und Wahrheit identisch sind, denn Gott ist kein Betrüger.

Dann aber kommt 1543 ein Kopernikus daher, rückt den Menschen aus dem Zentrum, weist ihm eine ruhelos um die Sonne kreisende Wohnstätte zu, behauptet, das unsere Wahrnehmung nicht der Wahrheit entspricht. Welcher religiöse Frevel, welche Erniedrigung des Menschen!

Er, der Domherr im Ermland, wusste um die revolutionäre Bedeutung seiner These, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Noch auf dem Totenbett – am 24. Mai 1543 – musste er erkennen, wie die Welt mit seiner Erkenntnis umzugehen gedachte: Der Reformator Andreas Osiander (Link , Link , Link und als Rundfunksendung (MP3) Link ), der den Druck beaufsichtigen sollte, hatte ohne Wissen des Kopernikus und ohne dies als eigenen Beitrag zu kennzeichnen, ein Vorwort hinzu gefügt, das die heliozentrische Lehre als eine Hypothese bezeichnete, die nicht zu stimmen brauche, da es um nur um eine Vereinfachung der Berechnungen gehe. Das revolutionären Werk wurde so zum Kalkulationsmodell ohne Anspruch auf Wahrhaftigkeit abgewertet.

Es mag nebensächlich erscheinen, ist aber aufschlussreich, kurz der Frage nachzugehen, wieso überhaupt in Zeiten größter religiöser Auseinadersetzungen ein protestantischer Geistlicher mit der Schrift eines katholischen Domherren beschäftigt war. Der Schlüssel heißt Georg Joachim Rheticus Link , der der einzige Schüler Keplers war. Jener Vorarlberger, dessen Vater als Hexenmeister hingerichtet worden war, wurde zu einem Mitstreiter des Martin Luther und später Dekan der evangelischen Universität Wittenberg. Dennoch machte er sich ungeachtet religiöser Differenzen als Wissenschaftler zum Schüler des Kopernikus, dessen Weltbild er zu verbreiten suchte. Ohne die Aktivitäten diese Georg Joachim Iserin, wie er bürgerlich hieß, wäre es vielleicht nie zu Keplers Hauptwerk gekommen. Er kam jedoch wegen dieser Lehre in Wittenberg zunehmend in Druck, verließ die Universität und vertraute dem streitbaren Querdenker Osiander die Restarbeiten an (vgl. Wiener Zeitung Link .)

Martin Luther, der nicht wissenschaftlich sondern religiös dachte, bezeichnete Kopernikus als »astrologischen Emporkömmling« und einen »Narren, der die gesamte Wissenschaft der Astronomie umzukehren versuche« (siehe VISION Link . Er zitierte aus dem Buch Josua: Die Sonne blieb stehen mitten am Himmel, und fast einen ganzen Tag lang verzögerte sie ihren Untergang. Also hatte die Sonne um die Erde zu laufen und nicht umgekehrt!

Das kopernikanische Weltbild warf den Menschen aus der kosmischen Zentralstellung. Kepler bestätigt das nicht nur, er zerstörte gewissermaßen noch zusätzlich die Harmonie in der göttlichen Ordnung mit der Feststellung, dass die Gestirne keineswegs auf idealen und konzentrischen Bahnen »kreisen« (wie wir noch immer am Kreisideal festhaltend sagen) und Giordano Bruno sprach schon von unendlich vielen Welten. Tatsächlich rückte im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte und Jahrhunderte die Erde als kosmologisch unbedeutender Planet in einem lächerlich kleinen Sonnensystem immer mehr an den Rand einer mittelmäßigen Galaxie, verloren unter Millionen weiteren.

Dieser ersten Erniedrigungen des Menschen folgten weitere: Der Mensch als Glied einer Jahrmillionen währenden Evolutionskette (Kosmische Evolution, Biologische Evolution, Charles Darwin), statt deren Ziel, Sinn und Krone in einer abgeschlossnen Schöpfung zu sein. Der Mensch als triebgesteuertes Wesen, dem Tierreich näher als dem Ideal des Gottes (Siegmund Freud). Der Mensch als Träger trügerischer Sinne in einer Welt, die ihm gar nicht wahrhaft zugänglich ist, in der Raum und Zeit, Masse und Energie nur relative Zustände sind (Albert Einstein), in dem das Chaos zu herrschen scheint, die gar virtuell sein könnte.

Immanuel Kant, der in seinem Vorwort zur zweiten Auflage der »Kritik der reinen Vernunft« den Begriff der Kopernikanischen Wendung prägte, erkannt die philosophische Tragweite der astronomischen Tat: Es ist hiemit eben so, als mit den ersten Gedanken des Copernicus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahme, das ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe liess.

Es ging und geht um Frage nach der menschlichen Erkenntnis: Wir können nie sicher sein, wie die Dinge an sich sind. Wir wissen nur, wie sie für uns sind. Wir sehen die Welt immer durch die Brille unseres Bewusstseins. Realität ist das, was unser Bewusstsein uns sagt, nicht das, was es objektiv erkennt. Die Dinge richten sich nach unserer Erkenntnisfähigkeit, nicht umgekehrt.

Das Weltbild aber ist das Menschenbild, die Vorstellung, die wir selbst von uns in der Welt machen. Vorstellungen, die ich in meinem Spiegel der Möglichkeiten im Spiegel der Geschichte und im Spiegel des individuellen Lebens romanhaft behandle.

Ein besseres Bild von Kopernikus und seinem Werk kann man sich machen, wenn man einige Schulseiten von Gymnasien besucht, die seinen Namen tragen: Link (Neubeckum; kurzer Lebenslauf) , Link (Aalen; v.a. zur Wende) und Link (Weissenhorn) mit einer superkurzen Vita (zu der Kopernikus zwinkert), doch dem link auf ein schönes Projekt von Richard Fichtner von der Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen Link .

Neben Bibliografien, Sachbückern und Romanen über Kopernikus Link sei noch auf das Referat von Dominic Huber auf den Seiten des Hölderlin Gymnaiums Köln verwiesen Link und - nicht zuletzt zur Einordnung in religiöse Weltbilder - auf die Zusammenfassung des Buches von Alister E. McGrath »Naturwissenschaft und Religion«, unter Link und den Text »Kirche und Naturwissenschaften« Link . Ferner nenne ich den Artikel »Die Geburt der Kopernikanischen Welt« Link und zum Schluss den link auf ein Bild dieses Mannes, der das Bild, das wir uns von der Welt machen, so stark veränderte Link


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