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ELEATEN  
Im 5. Jahrhundert v.Chr. gründete Parmenides in Elea, einer griechischen Kolonie auf der italienischen Halbinsel, eine philosophische Schule. Diese vertrat vordergründig eine der dynamischen Weltvorstellung des Heraklit widersprechende Auffassung: Das Universum sei ein unteilbares, unveränderliches Ganzes. Somit könne es kein Werden, ja überhaupt keine Bewegung geben, sei die Annahme der Bewegung nur Betrug der Sinne.

Die Schüler des Parmenides, die man später mit ihm zusammen in einen Topf warf, auf den man »Eleaten« schrieb (Link und Link ), stärkten diese These, speziell Zenon mit seinen logischen Paradoxa. Diese, wie etwa der Wettlauf von Achilles mit der Schildkröte, beschäftigten Jahrtausende lang die Logiker und beleben die philosophischen Abenteuer.

Gern belächelt man die Eleaten, sieht sie gar als Spinner an, weil sie einer (aus heutiger Sicht falschen) Logik wegen vermeintlich Offensichtliches, ja die ganze Welt leugneten. Doch ihre Beschäftigung mit dem Problem der logischen Folgerichtigkeit war wesentlich für die Entwicklung der wissenschaftlichen Logik (eine tolle Linksammlung zur Logik von Claus Oszuszky unter Link ). Einige der Paradoxa wurden erst in jüngster Zeit gelöst und forderten neue logische und mathematische Denkweisen und Verfahren heraus (siehe paradox). Und indirekt ist Parmenides auch für die Gedanken der Atomisten, beginnend mit Anaxagoras, mit verantwortlich, denn zugleich von Heraklit und Parmenides herausgefordert, suchten sie in der bewegten Natur das absolut Unveränderliche.

Dieses Absolute, Vollkommene, Unveränderliche hatte Xenophanes als Lehre nach Elea gebracht, wo er sich nach langen Wanderjahren niedergelassen und eine Philosophenschule gegründet hatte. Der Hauptangriffspunkt seiner Lehre war der Götterglaube, den er als reine Erfindung abtat: Die Weißen hätten weiße Götter, die Schwarzen schwarze und die Ochsen, könnten sie sich nur ausdrücken, Ochsen als Götter. Wenn, so folgerte er mit der seit Homer und Thales neu entstehenden Logik, es etwas wahrhaft Göttliches gibt, so könne es nicht geteilt (etwa in viele Götter) sein, es müsse letztlich die Einheit, das Weltganze sein. Darauf baut Parmenides auf und folgert erneut logisch: Wenn es die Welt gibt, dann ist somit ein Seiendes. Sein aber schließt zugleich das Nichtsein aus. Wenn also alles vom Sein erfüllt ist, so gibt es nichts, in das es sich noch »hinein«bewegen könnte, denn sonst gäbe es ja doch ein Nichtseiendes, das aber schon durch die Existenz ausgeschlossen wurde. Also kennt wahres Sein keine Bewegung, keine Veränderung, erst recht kein Werden, denn: Was wird, das ist noch nicht. Dann folgert er kühn: Die Sinne gaukeln uns Bewegung vor, das Denken aber ist mit dem Sein identisch.

Spätestens jetzt darf keiner mehr die Eleaten belächeln, wird hier doch eine der Hauptwurzeln der Philosophie- und auch christlichen Religions- und später Wissenschaftsgeschichte gepflanzt: War schon bei Xenophanes das wahre Sein, das Weltganze, zugleich Gott, so ist es damit das logisch denkende Ding auch: Vernunft ist Wahrheit, Natur aber Betrug. – Es bedarf wohl keiner Hinweise darauf, dass davon Platon, die Stoa und alle Idealisten stark beeinflusst wurden, über diese der christliche Glaube an den vernünftigen Gott und – da man wie dieser denken kann – auch der an die wahre Erkenntnisfähigkeit bis hin zur Entdeckung der Naturgesetze und deren technischer Nutzung.

Nur gab es schon bald mit Platon einen wesentlichen Eingriff: Das Eine und das Alles, das Weltganze, wurde wieder zerlegt in das Reich der Vernunft, der Ideen außerhalb der Natur, und eben dieses materielle (Teil-) Sein, zerlegt auch religiös in Schöpfer und seine Schöpfung, was uns bis heute als Dualismus oder als Körper-Geist-Problem verfolgt. Deshalb ist auch die alte Argumentation noch immer aktuell, wie sie Im Spiegel der Möglichkeiten mit Unterstützung von Bruno, Spinoza, sogar Thomas und Cusanus und nicht zuletzt Hegel und Hans Jonas geführt wird: etwa hinsichtlich dessen, was Unendlichkeit ist, oder damit, dass ein allmächtiger Gott ein ohnmächtiger Gott wäre, weil Macht Verhältnisse beschreibt. Und es wird auch die Alternative geboten: das sich ganz in Endlichkeit Hingebende, das Werden im Sein, der werdende Gott.

Und damit sind wir vermeintlich bei Heraklit, der oft als Gegenspieler beschrieben wird und sich mit seiner Lehre vom Werden durchgesetzt zu haben scheint, erst recht, seit wir mit Darwin von der Evolution überzeugt sind. Weischedel aber führt aus, dass auch Heraklit »hinter die Ebene des Werdens in die des Seins« dringt, von harmonischer Wiedervereinigung spricht, das Werden ins Sein aufnimmt, da dieses in »sich wandelnd ruht«. Die Logik des Heraklit ist nicht die der sich ausschließenden Gegensätze, eher eine dialektische. So kann er auch sagen: »Aus allem wird eins und aus einem alles«, ja sogar trotz allen Werdens: »Alles ist eins.« Heraklits Bild ist, ich zitiere noch einmal Weischedel: »... lebendig sich entfaltende und sich wieder in sich selbst zurücknehmende Einheit«. – Diese nicht ausschließende Logik schaut auch aus dem Spiegel der Möglichkeiten, reflektiert auch im Licht aktueller naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Und ebenso aus Ureda, der vergessenen Philosophenschule.

Ähnlich erging es der Schule von Elea, die in ihrer Glanzzeit viele Denker anzog, wie etwa Xenophanes von Kolophon (Link ), der an die Kraft des menschlichen Verstandes glaubte, der der Menschheit durch Einsichten und Erfindungen einen Aufstieg erlaubt. Er prägte damit wesentlich den Glauben an den Fortschritt aus eigener menschlicher Leistung, der mit der kopernikanischen Wende herrschend wurde. Elea aber versank bald kulturell und dann auch physisch. Heute heißt der Ort, der später an dieser Stelle entstand, italienisch Velia und ist ein heißer touristischer Tipp (Link , Link ), denn auch dort will man an Touristen-Euros ran um fortzuschreiten: Ist doch logisch!

Ach ja: Natürlich sollte niemand diesen Ort mit Elena, der Heldin aus dem Spiegel der Möglichkeiten verwechseln, obwohl diese auch sehr logisch denkt.

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