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HÄRTLING, Peter  
Ein Härtling ist eine »auf Grund seiner Widerstandsfähigkeit gegenüber Abtragung und Verwitterung über seine Umgebung herausragende Erhebung«. Das weiß der Geologe. Ich auch, denn von Geologie verstehe ich dank etlicher Semester im Nebenfach etwas. Auch kann ich die Härtlinge von den »Zeugenbergen« der Schwäbischen Alb unterscheiden. Denn das sind »isoliert vor dem Rand der Schichtstufe stehende Berge aus denselben Gesteinsschichten wie diese«. Auch etliche Nürtinger, die im Neckartal am Fuße dieser Alb leben, mögen das wissen. Doch von Nürtingern verstehe ich nicht viel, obwohl ich sie schon seit mehr als 30 Semestern studiere.

Darum bleiben wir beim Härtling. Der ist sehr wiederstandsfähig, aber eben nicht aus dem selben Urgrund wie die Alb. Auf diesen Urgrund aber legt man im Ländle Wert. Das weiß ich als »Reigschmekdr«.

Reingeschmeckte sind hierzulande etwa das, was im alten Athen die Metöken waren: Dauerhaft in der Stadt Geduldete, die zwar Griechen aber keine Einheimischen und damit keine richtigen Bürger waren. Diese Metöken, etwa Aristoteles, mussten eine spezielle Steuer entrichten und durften in Athen keinen Grundbesitz erwerben. Die Reingeschmeckten im Schwabenland müssen auch Steuern bezahlen und sollen – das ist der knitze Unterschied – zu horrenden Preisen nasse Wiesen als Bauland von den Eingeborenen kaufen, um so den Obolus für den geduldeten Aufenthalt zu entrichten.

Ein Reingeschmeckter Härtling aus Chemnitz wurde aus Olmütz in Mähren über Zwettl in Niederösterreich und Wien mit 13 Jahren nach Nürtingen geworfen. Das war 1946 und er hatte damals schon schmerzhaft zu leben gelernt. In Nürtingen lernte er weitere harte Lektionen und warf sich letztlich selbst nach einigen Jahren wieder aus dem Ort heraus. Oder lief er fort, wie ein Hirbel, den niemand richtig versteht und der dorthin möchte, wo die Sonne gemacht wird?

Dieser Härtling heißt Peter. Und dieser Peter »gehörte zu denen, die mit zwölf, dreizehn Jahren noch in den Krieg geschickt wurden. Er gehörte zu denen, die noch als Kinder ohne Übergang in die grausamste Wirklichkeit hineingestoßen wurden. Flucht, Internierungslager, Schwarzmarktgeschäfte und tragischer Tod der Eltern waren die Stationen, die eine behütete Kindheit zerstörten« (zitiert aus Peter Härtling, Materialienbuch, herausgegeben von Elisabeth und Rolf Hackenbracht, 1979). Dennoch gehört er zu den Härtlingen, die – ihrem Namen zum Trotz! – nicht hart wurden, vor allem nicht gegenüber anderen. Im Gegenteil: Davon sprechen berede seine Bücher, wie er wohl selbst durch Bücher zu sprechen lernte und von Literatur und Lyrik getröstet wurde: »Aber des Herzens verbrannte Mühle / tröstet ein Vers«.

Wenn man Härtlings Geschichten liest, dann spürt man erlebtes Leben. Manchmal so, wie Krücke seine Zehen, die doch Hunderte Kilometer entfernt von einem Sanitäter in den Abfalleimer geworfen wurden. Manchmal auch so, wie eine ins Gesicht geschleuderte, bepinkelte Unterhose. Aber dennoch spürt man es nicht als Verzweiflung oder Verkehrung in Zorn, sondern annehmend. Gegen Empörung und Resignation, so schrieb Peter Härtling einmal, könne er sich nur mit Zynismus wappnen, der aber liege ihm nicht. Wenn in der Geburtstagsgratulation des Bundestagspräsidenten zum 70. Geburtstag das »Gespür für Toleranz und Mitmenschlichkeit« betont wird, so ist dem nichts hinzuzufügen. Zumindest nichts Einschränkendes.

Hinzufügen will ich auch hier nicht wieder all das, was man über diesen Schriftsteller und Menschen längst nachlesen kann. In seinen Büchern, in Schriften über ihn, auf Seiten im Internet. Daher verweise ich auf:

- eine Kurzvita: Link
- eine noch kürzere Chronologie: Link
- zum Ausgleich eine Vertiefung zu seiner Kindheit (die ich trotz der nervigen Pop-Ups empfehle): Link
- eine Bibliographie: Link
- etwas zu seinen Kinderbüchern: Link und Link (sowie Link )
- speziell zu seinen Memoiren »Leben lernen«: Link und Link
- ein Interview von Günter Kaindlstorfer Link
- eine abspielbare Audioaufnahme: Link
- der Hinweis auf eine CD zu seinem 70. Geburtstag (auch wenn hier üblicherweise keine Werbung gemacht wird): Link
- die Homepages von Schulen, die seinen Namen tragen bzw. bei denen er Patenschaften übernommen hat (es gibt einige mehr, doch ohne Präsenz im Netz): Link (Langenfeld), Link (Werl-Sönnern) , Link (Springe), Link (Wuppertal), Link (Düsseldorf)
und Link (Friedrichsdorf) mit einer Festrede von Härtling: Link
- eine sehr schöne Linksammlung: Link bzw. Link
- natürlich auch auf den Eintrag auf der Homepage der Stadt Nürtingen Link , die in Härtlings Büchern auch schon mal Weißlingen oder einfach Kaff heißt. Das ist aber letztlich auch Ausdruck von Zuneigung, zumal ihn mit dieser Stadt Menschen verbinden, die für ihn sehr wichtig waren: Lörcher, Rall, mehr noch Ruoff und besonders die Arzttochter Mechthild aus der Marktstraße.

Was hat aber Peter Härtling – sieht man von dieser kommunalen Verbindung zu meinem Wohnort ab – mit dem Spiegel der Möglichkeiten zu tun, auf den sich doch hier in Ureda jedes Stichwort bezieht? Eigentlich nichts, zugegeben. Dabei hätte einer, der von sich schrieb: »Ich denke lieber in Zusammenhängen, Vergleichbarkeiten, Parallelen« gut in mein Buch (dem es genau darum geht) hinein gepasst. Aber auf meiner Reise durch den Möglichkeitsraum bin ich an einer Station angekommen, an der ich ein Kinderbuch schreibe. Und wer kann da Vorbild sein, wenn nicht Peter Härtling?

Alter John, leb noch a bissel, um das Leben noch mehr zu lernen, und schreib noch a bissel, damit wir alle mit dir lernen!

»Und die lang gedachte / Zeit / schmolz zu einem / Tag.«

Nachtrag: Eine angenehme Chronistenpflicht ist der Hinweis darauf, dass Peter Härtling am 20. Oktober 2004 Ehrenbürger der Stadt Nürtingen wurde Link


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