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EXTROPIER  
tauchen Im Spiegel der Möglichkeiten als Gruppe auf, die der Verschmelzung der Natur mit mechano-elektronischen Produkten anhängt, ihren Namen aus dem Gegensatz zur Entropie ableitet und davon ausgeht, dass das Universum offen ist und grenzenloses Wachstum die Notwendigkeit schlechthin sei: Jede Einschränkung sei ein Frevel an der richtig verstandenen Evolution, welche die unvollkommene Natur zu überwinden habe. Was machbar sei, müsse gemacht werden. Das biologisch Instabile sei zu verbessern, jede Beschränkung in Wirtschaft, Technik und Gesellschaft unnatürlich und aufzubrechen.

Sie merken, die Extropier gibt es längst und zuhauf, auch wenn nur relativ wenige sich bisher so bezeichnen. Sie sind keine Erfindung. Der Link auf die von der Suchmaschine gefundene Seite Link , auf der man die extropischen Prinzipien nachlesen können soll, bleibt zwar – ganz im Gegensatz zu den strahlenden Utopien (Begriff Link , literarischer Ursprung Link und Link , vertiefend (nicht nur für Feministinnen) Link und viele Verweise zu »konkreten Utopien« unter Link ) – schwarz in schwarz und damit unlesbar (was vielleicht gut ist so), nicht jedoch der unter Link , wo man sich über Extropier und Transhumane informieren und weitere Links verfolgen kann. Dort findet man sie, die scheinbar so guten und wohlklingenden Grundsätze, die man doch großenteils gern unterschreibt: Weisheit, Unabhängigkeit, Respekt, kein Dogmatismus ... Nur unterschreibt man mit diesem Mischmasch auch das geschickt Verborgene, die künftige Allmacht des eigenen Dogmatismus (zum Begriff: Link und ergänzend dazu vielleicht die Seite zum religiösen Dogmatismus des Jehova-Aussteigers, aber sehr vom Glauben überzeugten Hans-Georg Kolpak unter Link mit ähnlichen Grundzügen). Nämlich das Dogma des grenzenlosen, unkontrollierten Fortschritts, das jedes Experiment legitimiert und per Gebot den Optimismus vorschreibt. Man unterschreibt das Dogma der Überwindung der Natur mit allen Mitteln, ja sogar der Kultur (oder hatte man da Formulierungsprobleme bzw. ich solche des Lesens?). Dann lesen Sie doch selbst diese unreflektierte und unheilvolle Verquickung guter und gefährlicher Grundsätze im Originalzitat und genießen Sie es (denn wenn diese Prinzipien verwirklicht sind, werden Sie wohl kaum noch Gelegenheit dazu haben):

»1. Kontinuierlicher Fortschritt
Das Verlangen nach mehr Intelligenz, Weisheit und Effektivität, nach unbegrenzter Lebensdauer und der Beseitigung politischer, kultureller, biologischer und psychologischer Grenzen der Selbstverwirklichung. Die Überwindung von Hindernissen, die unserem Fortschritt und unseren Möglichkeiten im Wege stehen. Die Besiedlung des Weltalls und grenzenloser Fortschritt.

2. Selbstverbesserung
Permanente moralische, intellektuelle und körperliche Arbeit an sich selbst durch kritisches und kreatives Denken, individuelle Verantwortung und durch selbstbestimmte Experimente. Das Streben nach Erweiterung unserer biologischen und neuronalen Fähigkeiten sowie nach emotionaler und psychologischer Vervollkommnung.

3. Aktiver Optimismus
Positive Erwartung als Antriebskraft des Handelns. Vernunftbasierter, auf das Handeln abzielender Optimismus statt blindem Glauben und zögerlichem Pessimismus.

4. Intelligente Technologie
Der kreative Einsatz von Wissenschaft und Technik, um die 'natürlichen' Grenzen unserer biologischen Herkunft, Kultur und Umwelt hinter uns zu lassen. Technik nicht als Selbstzweck, sondern als effektives Mittel, um das Leben zu verbessern.

5. Offene Gesellschaft
Das Streben nach einer Gesellschaft, die freie Meinungsäußerung, unabhängiges Handeln und selbstbestimmtes Experimentieren zulässt. Widerstand gegen autoritäre Kontrolle, der Wunsch nach der Regelung durch Gesetze und dezentrale Macht. Verhandlung statt Gewalt, freier Austausch statt Zwang. Offenheit für neue Entwicklungen, kein starres Utopia.

6. Selbstbestimmung
Die Forderung nach unabhängigem Denken, individueller Freiheit und Verantwortung, Selbstbestimmung, Selbstachtung und gegenseitigem Respekt.

7. Rationalität
Vernunft statt blindem Glauben, kritischer Diskurs statt Dogmatismus. Offenheit gegenüber Kritik an unseren Überzeugungen und Verhaltensweisen, die Suche nach ständiger Verbesserung und die Offenheit gegenüber neuen Ideen.«

Was erkennen Sie, wenn die erste Begeisterung wieder zur geforderten Rationalität führt?: grenzenlose Selbstausweitung, denn die Extropier trachten nach der Beseitigung aller Hindernisse; aggressive Selbstmordmentalität, da Prüfen und Abwarten verboten sind und Optimismus zum Zwang wird; Ablösung jeder Kontrolle und letztlich der staatlichen und demokratischen Ordnungsformen; Herrschaft einer wissenschaftlichen Rationalität, in der Laplace zum Mauerblümchen wird. So ruft der Gründer des Extropy-Institute, Max More, in die Welt hinaus: »Kein Geheimnis ist heilig, keine Grenzen existieren. Kein Unbekanntes kann sich dem erfinderischen menschlichen Verstand verbergen. Laßt uns unsere alten Formen sprengen! Hinweg mit unserer Unwissenheit, unserer Schwäche und unserer Sterblichkeit. Die Zukunft gehört uns!«

Damit müsste es eigentlich genug sein, doch will auch ich weiter die Grenzen Ihrer möglichen Unwissenheit sprengen und dabei (halbwegs) sachlich bleiben: Definiert wird Extropie als das Ausmaß an Intelligenz, Information, Ordnung, Lebenskraft und Optimierungspotenzial eines Systems. Die Extropianer sind folglich diejenigen, die danach streben, Extropie zu vermehren. Sie bekennen sich dabei zur so genannten transhumanistischen Philosophie. Auch dazu das Originalzitat: »Der Transhumanismus ist die Fortführung des Humanismus mit dem Ziel, die menschlichen Grenzen sowohl mit Hilfe von Wissenschaft und Technik als auch durch kritisches und kreatives Denken zu überwinden. Wir sind überzeugt, daß Altern und Tod vermeidbar sind. Wir streben nach ständiger Verbesserung unserer geistigen und körperlichen Fähigkeiten und möchten unsere emotionale Entwicklung vorantreiben. Für uns stellt die Menschheit nur ein Übergangsstadium im Prozess der Evolution von Intelligenz dar und wir befürworten den Einsatz von Technik, um unseren Übergang vom menschlichen zum transhumanen oder posthumanen Zustand zu beschleunigen.«

Auch für mich ist die Menschheit nur ein Übergangsstadium im Prozess der Evolution, doch wollen die Extropier offensichtlich die Evolution selbst in die Hand nehmen, sich einerseits möglichst schnell selbst überwinden (was bisher nicht unbedingt ein Evolutionsprinzip war) und dabei zugleich unsterblich machen: Als was? Wohl als Cyborg oder Borg wie in den philosophischen Abenteuern, als Homo s@piens oder – besser noch – als Maschine? Es scheint so, denn diese radikale Utopie des amerikanischen High-Tech-Untergrunds unterstellt, dass der Mensch im Gegensatz zur Maschine fehlerhaft sei und durch künstliche Eingriffe, so weit es geht, optimiert werden müsse: Implantate aller Art, speziell der Nanotechnologie, doch auch Drogen und künstliche Gehirne gehören dazu. So liest man etwa: »Wir geben uns mit den vielen Unzulänglichkeiten menschlicher Existenz nicht zufrieden und sind entschlossen, die natürlichen und bis jetzt widerspruchslos akzeptierten Grenzen unserer Möglichkeiten zu überschreiten. Wir befürworten den Einsatz von Wissenschaft und Technik, um die Beschränkungen unserer Lebensdauer und Intelligenz sowie unserer individuellen Lebenskraft und Freiheit aufzuheben.«

Wie absurd sind – wenn ein Mensch seine Lebensdauer maximieren will und sich noch als Mensch bezeichnet – Sätze wie: »Wir wollen die biologischen und psychologischen Grenzen des Menschen überwinden« oder »Von Humanisten unterscheiden wir uns durch die Bereitschaft, die menschliche Natur zur Erreichung dieser Ziele in ihrem Kern zu verändern. Wir wollen die traditionellen, biologischen, genetischen und intellektuellen Grenzen, die unseren Fortschritt einschränken, überschreiten.« Zugleich aber wollen sie ihre emotionalen Fähigkeiten steigern! Selbstredend haben sie auch ihre eigene, einzig vom Egoismus geprägte Ethik, billigen aber zu: »Andere Menschen sind uns wichtig: Wir sind uns der Gefahren bewusst, die damit verbunden sind, über andere zu bestimmen ... Einige von uns beschäftigen sich intensiv damit, andere auszubilden und sie zu verbessern; dies geschieht aber nur auf freiwilliger Basis unter Achtung der Urteilskraft, der Selbstbestimmtheit und der Würde der anderen.«

Freiwilligkeit, ja Beliebigkeit soll auch zum gesellschaftlichen Fundament mit Klubmentalität werden: »In einer offenen Gesellschaft können sich Einzelne auf freiwilliger Basis entscheiden, sich selbst restriktiveren Gruppierungen unterzuordnen in der Gestalt von Klubs, Privatvereinigungen oder Gesellschaften. Strikter organisierte soziale Strukturen dürfen existieren, solange es jedem frei steht, sie wieder zu verlassen.« Ist bei Borgs und Maschinen ein Begriff wie »soziale Strukturen« überhaupt noch angebracht?

Wer noch immer nicht genug hat, der vergleiche z.B. die Arbeiten des 1991 gegründeten »Extropy Institute« Link . Weitere Informationen sind unter Link oder Link zu finden, ebenso mit Verweisen unter Link und ausführlichen Berichten unter Link sowie Link . Wer unbedingt will, kann auch die Bestseller von Hans Moravec »Computer übernehmen die Macht« und »Mind Children – Der Wettlauf zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz« lesen oder von Lee M. Silver »Das geklonte Paradies« sowie von Kevin Kelly »Der zweite Akt der Schöpfung – Natur und Technik im neuen Jahrtausend« genießen. Viel mehr empfehlen würde ich jedoch andere Utopien, wie die von Erich Fromm »Humanismus als reale Utopie. Der Glaube an den Menschen« (Link , zu Person und Werk Link , Link und Linksammlung unter Link ), zudem die Schriften von Albert Schweitzer (siehe dort) oder Hans Jonas (siehe dort) oder Klaus Michael Meyer-Abich (Link , Link und unter Mitweltethik). Außerdem kann man unter Mensch, Würde u.a. Stichwörtern nachschlagen, sich Star Trek-Filme oder auch »Der 200-Jahre-Mann« (Link ) ansehen, sofern man Rührstücke mag, denn die Verfilmung ist grauenhaft kitschig und wird damit dem Buch von Silverberg nicht gerecht, das wiederum eine Adaption der wirklich guten Erzählung »Der positronische Mann« von Isaac Asimov ist. Die schrieb er immerhin 1973, und darin – wer denkt da nicht an Data? (siehe dort) – entwickelt der Roboter NDR-113 zum Androiden Andrew Gefühle und Familiensinn, ja Liebe, und will Mensch werden. Das Thema des Buches kreist um Sklaverei und Menschenwürde und das, was eigentlich den Menschen ausmacht. Letztlich wählt der Androide, was nur das Leben hervorbringen konnte: die Sterblichkeit. – Das würde ein Extropier nie verstehen!

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