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FORTSCHRITT  
besagt zunächst nichts anderes, als dass man fort schreitet. Wohin ist offen, ob sinnvoll erst recht. Ursprünglich, so schreiben Ortoli & Witkowski, wurde mit dem Begriff die »Entwicklung auf die Tugend hin« bezeichnet (ferner zum Begriff: Link ). Auch das Christentum prägt uns mit dem Gedanken, das Gute liege voraus, die Erfüllung in der Anschauung Gottes spätestens am Jüngsten Tag.

Die Evolution widerspricht dem nicht, wird doch offensichtlich alles differenzierter, immer dynamischer, immer kommunikativer, immer intelligenter, wird doch so (in der linearen westlichen Vorstellung) die Achse Zeit definiert, ja – wie es Wendur Im Spiegel der Möglichkeiten ausdrückt – der Möglichkeitsraum immer mehr erweitert. Sehr verstärkten Wissenschaft und Technik den nicht hinterfragten Fortschrittsglauben, zumal er oft mit Bequemlichkeit, Mobilität und materiellem Zuwachs einhergeht.

Das Problem ist nur, dass dieser technische Fortschritt so große Schritte macht, dass man selbst dann, wenn man sich verläuft oder zumindest noch einmal orientieren oder gar einen neuen Weg suchen muss, nicht mehr mit kleinen zurücktrippeln kann. Denn welcher Wanderer oder Läufer (wir müssen inzwischen zumindest vom Fortlauf sprechen) stieß nie auf ein Hindernis, gar an eine Grenze? Jubeln wir, wenn uns einer zuruft: »Gestern standen wir noch vor dem Abgrund, heute sind wir schon einen großen Schritt weiter«?

Ulf Skirke beleuchtet in seinem empfehlenswerten Kapitel »Zum Problem eines zukunftsfähigen Fortschrittsbegriffs« (Link ) das Verhältnis von technischem Forschritt, Geschichte, Evolution und Selbstorganisation und bedenkt auch die normativen Aspekte. Ebenfalls sehr lesenswert ist der Aufsatz von Wuketits unter Link , in dem psychologische und evolutionäre Aspekte angesprochen werden. Empfehlen kann man noch aus evolutionärer Sicht das Buch von Stephen Jay Gould Illusion Fortschritt (Link und dazu Link ).

Ansonsten habe ich gar nichts so recht Passendes gefunden, vielleicht, weil es in der Unmenge banaler Links, die mit dem Fortschrittsbegriff operieren, unterging. Ich habe deshalb einfach selber nachgedacht, wie eigentlich der Homo sapiens seinen Weg auf sich selbst fortschreitend zurückgelegte:

40.000 Generationen Jäger und Sammler (das Vorhandene nehmen)
2.000 Generationen Hirten und Pflanzenbauer (selbst produzieren)
200 Generationen Handwerker und Händler (Arbeitsteilung, Spezialisierung)
5 Generationen Industrieproduktion (Hochtechnik, Normung, Massengüter)
3 Generationen Atomkraft (das Potenzial, die Welt zu vernichten)
1 Generation mit elektronischen Massenmedien, "Globalisierung", Gentechnik

Da drängt sich natürlich die Frage auf, woher diese eine Generation die Erfahrung zur Beherrschung all dessen nimmt. Eine Generation, die sogar zunehmend die Evolution selbst als verbesserungswürdig hinstellt und sie, wie etwa die Extropier, ganz schnell optimieren will: Mit Gentechnik, KI, Androiden, Cyborgs und möglichst unsterblichen Übermenschen. - Fortschritt als patentgeschütztes Exklusivrecht einer Art, die bisher kaum einige Sekunden im Tageslauf der Evolution aufgetreten ist?!

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