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ZUFALL und NOTWENDIGKEIT  
»Nichts geschieht von selbst, sondern alles aus einem Grunde und unter dem Druck der Notwendigkeit«, meinte schon der Vorsokratiker Leukipp.

Ist dem so, dann gibt es im Grund keinen Zufall. Dann ist Zufall nur eine menschliche Erkenntnisschwäche – was auch die Deterministen meinen, die sagen, es handle sich beim vermeintlichen Zufall nur um eine Schwäche unserer Prognosefähigkeit, weil entweder eine sehr kleine Ursache nicht (ausreichend) bemerkt worden oder die Gesetzmäßigkeit noch nicht vollständig bekannt und berechenbar sei, oder gar beides. Tatsächlich gäbe es nur Notwendigkeit.

Ein naiver Mensch wie ich, der sich deswegen Im Spiegel der Möglichkeiten in die Rolle fragender Mädchen versetzt, versteht dann nur nicht, wieso zu dieser Notwendigkeit dann aber genau diese unsere Erkenntnisschwäche gehört? Und wenn sie notwendig ist, wie sollen wir sie je überwinden? Wieso, so frage ich weiter, leben wir im ständigen Wahn der Willensfreiheit, die nur Betrug ist? Warum machen wir uns Sorgen um unsere Zukunft, um Moral und Ethik, wenn unser Tun nur etwas komplizierter und damit (noch) unberechenbarer ist als der Fall des Apfels von Newtons Baum, der offensichtlich nicht der der vollen Erkenntnis war?

Weil, so sagen die Deterministen seit Descartes, das natürlich für den Menschen nicht gilt, denn der ist eigentlich im Körper gefangener Geist und damit eigentlich göttliche Übernatur. Nur die Natur ist determiniert. Sie sagen das trotz Evolutionslehre, trotz Chaostheorie, trotz der erkannten Grenzen der Logik, trotz der Freiheit der Quanten, um der Natur nicht Freiheiten zugestehen zu müssen, um das Reinheitsgebot der Mathematik nicht zu verletzten. Oder sie verwechseln die Beschreibung der Dinge mit den Dingen selbst, was so ähnlich ist, wie wenn einer das Wort »Brot« isst, sich wundert, dass es weder schmeckt noch sättigt, und dann die Weisheit verkündet, er habe herausgefunden, dass Brot weder schmeckt noch nährt.

Auch ich verwechsle vielleicht, zugegeben. Ich denke auch nicht an den Zufall beim Roulette oder an den in Quizsendungen beliebten »Zufallsgenerator« (ein Computerprogramm), der keineswegs Zufall generiert, sondern Ergebnisse, die nicht mehr unmittelbar auf ihr Zustandekommen zurückschließen lassen. Dennoch gelten auch beim Roulette und im Computer die so genannten Naturgesetze. Auch wiederholt sich das Resultat mit Sicherheit in unregelmäßigen Abständen. Das Problem ist nur, dass die Zahl der, jeweils für sich betrachtet, kausalen und notwendigen Wechselwirkungen größer ist als unsere Erfassungs- und Berechnungskapazität – zumindest solange man beim Einzelfall verharrt. Denn für ausreichend viele Ereignisse ist die Aussage statistisch bestens abzusichern, treten die Ereignisse sehr regelmäßig auf. – Diese mathematische Sicherheit nutzt dem Spieler überhaupt nichts, beleuchtet aber das Problem.

Vielleicht ruft er: »Ach, wüsste man doch mehr!«, und wünscht sich, der Dämon des Laplace zu sein, der angeblich mit dem vollständigen Wissen um einen Augenblick alle Ereignisse der Welt berechnen kann. Ja dann, dann wüsste man was kommt, könnte endlich reich werden (was ja zwangsläufig so kommen musste, womit sich wiederum – wenn man nicht an das Gott-Ebenbildliche, aber dumme Übernaturwesen namens Mensch glaubt – die dumme Frage stellt, ob das nicht auch ohne das Wissen notwendig so gekommen wäre. Oder kann Wissen auf das Schicksal einwirken, es ändern?). – Ja, wenn, dann ... wäre man wohl trotzdem nicht besser dran als der normale Roulettespieler.

Denn unsere mathematisch formulierten Naturgesetze sind schön, praktisch und falsch. Sie sind gewonnen aus und sie beschreiben empirische Sachverhalte, und das sind eben nicht individuelle. Also muss die Naturwissenschaft das Individuelle herausnehmen. Schneeflocken, um nur ein Beispiel aus dem Abiotischen zu nehmen, die so vielfältig wie Fingerabdrücke sind, werden zu Niederschlagsmengen. Und im Biotischen arbeitet man mit Familien, Gattungen und Arten, nicht mit Individuen, die zur Ziffer in der Statistik werden. Ja allen voran muss der Wissenschaftler selbst aus dem System genommen werden, muss an seiner Stelle eine Apparatur messen, damit nicht das Individuum mit seiner Subjektivität Einfluss nimmt.

Die Anwendung empirischer Gesetze auf das Einzelne ist falsch, weil sie durch Abstraktion und Idealisierung gewonnen werden. Naturgesetze sind, wie Wendur es Im Spiegel der Möglichkeiten einmal ironisch formuliert, Produkte menschlicher Faulheit: Statt sich mit der Differenziertheit und Einmaligkeit, mit einzelnen Entwicklungen und Unschärfen der Realität auseinander zu setzen, erledigt man das Erkenntnisproblem durch Reduktion und Verallgemeinerung. Damit wird die Welt scheinbar klar, einfach und vorhersagbar. Doch eben nur scheinbar: für unsere Wahrnehmung und Erkenntnisfähigkeit der »Mittleren Welt«.

Ganz anders sieht es in der subatomaren Welt aus, was in den philosophischen Abenteuern diskutiert und bis auf die ethische Ebene projiziert wird. Denn man kann folgern, dass der individuelle Zufall hier beginnt – und damit letztlich die eigene Freiheit – und dennoch stets die kollektive Notwendigkeit in sich trägt. Dann verlieren die Naturgesetze nicht ihren Sinn, wohl aber das Ideal der vollständigen Determiniertheit. Dann sind auch meine naiven Fragen (vielleicht ebenso naiv) zu beantworten: Notwendigkeit ist die wahrscheinlichste Prognose (eben a posterioi, nicht a priori).

Ich erachte den Zufall als einen unstrukturierten Zustand, den ich im Buch den »Möglichkeitsraum« nenne. Er ist das Chaos in dem Sinn, dass er noch den vollen Reichtum außerhalb jeder Realität bietet – die immer schon Struktur, Ordnung, Information besitzt. Somit kann man zur Versöhnung mit den Anhängern der idealen Ordnung oder der Notwendigkeit im Weltganzen auch folgende Interpretation ableiten: Zufall repräsentiert virtuell die Summe aller real möglichen Ordnungen. Und notwendigerweise muss sich Ordnung im Ausfaltungsprozess aus Möglichkeit zur Realität einstellen. Somit ist auch zu folgern, dass unsere (erkannte) Welt aus der Interaktion unendlich vieler Zufälle entstand und weiter entsteht, dennoch aber ein notwendiges, jedoch keineswegs absolutes Resultat darstellt.

Zufall entsteht aus Vorhergehendem, fällt also gewissermaßen aus dem zu, was schon ist, nicht aus dem »Unnatürlichen«. Insofern trägt jeder Zufall die Notwendigkeit im Gepäck und kann sie für das nächste zufällige Ereignis wieder auspacken. Doch wann und wie, ist nicht zwingend notwendig. Zufall und Notwendigkeit sind, um es noch einmal anders zu sagen, komplementär.

Einen schönen Beitrag zum Thema gibt Wolfgang Neundorf unter Link . Weiterhin kann ich auf die Page von Hans-Christoph Vogel verweisen (Link ), der nicht zuletzt Bezug auf das berühmte Buch von Jacques Monod »Zufall und Notwendigkeit« nimmt. Dieses auch in meinen Abenteuern nicht ganz unwichtige, 1970 erschienene Werk scheint merkwürdigerweise im ganzen deutschsprachigen Netz nicht besprochen zu sein. Auch fand ich darin keine einzige Biografie des am 9. Feb. 1910 in Paris geborenen Molekularbiologen (gestorben am 31. Mai 1976 in Cannes), der 1965 für seine Arbeiten über die Regulation der Eiweißbiosynthese den Nobelpreis für Medizin erhielt, so dass ich auf eine französische verweise (Link ).

Ob die Evolution Zufall oder Notwendigkeit ist, fragt Martin Neukamm (Link ) und stellt fest, dass der statistische Wahrscheinlichkeitsbegriff bei Grundfragen der Evolution gar nicht verwendbar ist. Franz Martin Wimmer stellt stärker die Fragen nach geschichtlichen Abläufen, planvollem Handeln und nach dem »Gesamtplan« in den Vordergrund (Link ), während Joachim Schlichtings Titel »Physik zwischen Zufall und Notwendigkeit« tief stapelt, denn nicht nur Kausalität und Chaostheorie werden von ihm angesprochen, auch die Willensfreiheit: Link . – Ich halte diese Willensfreiheit für zwingend notwendig, um Mensch zu sein, auch wenn sie zufällig entstanden sein sollte.

Karl-Josef Durwen

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