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IDEE  
„Schneiden Sie doch bitte die Haare noch eine Idee kürzer“, höre ich beim Frisör und schrecke zusammen. Ist es doch schon schlimm genug, dass selbst der abwegigste Einfall als „Idee“ herausposaunt wird. Müssen da auch noch einige abzuschneidende Millimeter Kopfpelz zu Idee werden? Dann hätte der Philosoph Platon ein Glatzkopf sein müssen. Alle Büsten zeigen ihn aber mit vollem Haar und Bart.

Nun ja, ich will nicht Haar- und Wortspalterei betreiben. Zudem kann man mehr als ein Haar in der Ideensuppe dieses großen Philosophen finden. Dennoch sollte man wissen, was es mit den Ideen ursprünglich auf sich hat: Platon fragte sich, wieso wir eigentlich die Dinge erkennen. Woher wissen wir z.B. was ein Schmetterling ist, obwohl es Tausende verschiedener Arten gibt: kleine, große, weiße, blaue, schillernde, schlanke, gedrungene usw.? Wieso können wir ihn von einem Vogel oder einer Libelle unterscheiden?

Er stellte die Lehre auf, dass die Seele nicht zur Natur gehöre, vielmehr aus einer anderen, vollkommenen Welt stamme und nach dem Tod des Körpers dorthin zurückkehre. In dieser Welt gäbe es für alle Dinge der Natur so etwas wie den perfekten Entwurf, eben die Idee. In der Natur existierten dagegen die weit weniger idealen Verkörperungen dieser idealen Vorbilder.

So gibt es z.B. die Idee der Kugel. Diese ist geometrisch absolut vollkommen. In der Natur finden wir dagegen keine vollkommene Kugel: Haselnuss, Erbse, Kirschkern, Apfel usw. haben zwar kugelige Formen, doch nie sind sie perfekte Kugeln. Und selbst das, was wir Menschen herstellen können, etwa Billardkugeln, nähert sich nur der idealen Kugel an. Unter dem Mikroskop kann man noch immer winzige Unebenheiten erkennen. Dennoch erkennt die Seele auch in der Unvollkommenheit eines Kirschkerns oder Apfels die Gestalt der Kugel, denn sie erinnert sich an das Ideal der Kugel.

Wenn der Mensch einen Gaukler der Lüfte sieht, dann erinnert sich seine Seele an die idealen Vögel, Libellen und Schmetterlinge der jenseitigen, geistigen Welt. Er erkennt, dass das fliegende Ding, das er gerade sieht, dem Idealbild des Schmetterlings viel mehr entspricht als den anderen. Somit kann er trotz aller Formen, Farben, Größen erkennen, was für ein Ding das ist.

Diese Theorie scheint eine Antwort auf die Frage zu geben, warum wir die verschiedenen Dinge erkennen. Und da Platon auch die höchste aller Ideen, die des absolut Wahren und Guten, einführte, prägte diese Lehre die Religionen mit Diesseits und Jenseits, der persönlichen Seele und Gott als höchster Idee.

Als sehr einfacher Denker, der ich beim Frisör sitze, frage ich mich, warum sich die Frisöse so schlecht an die Idee der idealen Frisur erinnert und den Kunden einen nicht nur unvollkommenen, auch jeweils unterschiedlichen Haarschnitt verpasst.

Weiter frage ich mich beim Blick aus dem Fenster, ob es auch den vollkommenen Hundehaufen und den idealen Nasenpopel gibt? Aber das ist sicher unphilosophisch derbe. Dennoch: muss es in dieser Ideenwelt nicht auch das vollkommen Hässliche und Böse, die perfekte Atombombe, den vollkommenen Schmerz, die ideale Krankheit geben? Soll sie dadurch besser sein als unsere reale Welt? Sicher denke ich nur falsch.

Doch drängt sich mir weiterhin der Gedanke auf, warum der Mensch, wenn er seine Erkenntnisse durch Erinnerung an die schon immer existierenden Ideen gewinnt, nicht wenigstens gelegentlich besser besinnt. Warum hat sich Platon nicht auch einmal an Autos, Computer oder doch wenigstens die Buchdruckkunst erinnert? Das hätte die technische Entwicklung sehr beschleunigt. Funktioniert der Seelentrick immer nur dann, wenn man etwas sieht, das schon existiert? Was ist mit meiner Fantasie? Ist das Ganze nicht eine haarige Theorie, die man gründlich zurechtstutzen kann?

Aber ich bin jetzt zum Haarschnitt dran und weise die Frisöse an: „Bitte nur eine Idee kürzer“.

Dies ist ein Klickwort zum Hör-, Seh- und Klickbuch „Uri durch den Spiegel“ von Karl-Josef Durwen. Hörproben und Downloads unter Link (Klickbuch) bzw. Link (Hörbuch)


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