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| WESEN und LEBEWESEN | ||
| Wir sprechen ganz selbstverständlich von Lebewesen. Das sind somit Wesen, die leben. Okay – aber was sind Wesen? Das klingt doch reichlich merkwürdig. Ein Schmetterling ist ein Schmetterling, eine Eule eine Eule, die Brennnessel eine Brennnessel. Schmetterling und Eule sind Tiere, die Brennnessel eine Pflanze, die Schwestern Iris und Elena sind Menschen. Diese Einordnung kennen wir. Alles klar. Aber wieso sind sie zusammen auch noch Wesen? Weil sie etwas ganz Wichtiges gemeinsam haben, etwas Unverwechselbares, etwas, das man nicht wegnehmen oder teilen kann, ohne dieses Wesen zu zerstören. Hier eben das Leben. Das Wort Wesen stammt aus der Philosophie. Es bezeichnet den Kern der Sache, das Entscheidende. Früher sagte man auch „die Essenz“. Das Wesentliche kann man nicht wegnehmen oder verändern, ohne dass das „Ding“, um das es geht, aufhört als genau dieses Ding zu existieren: Ein Lebewesen kann zwei, vier, sechs oder auch keine Beine haben, es kann krank sein, jung oder alt, fliegen oder schwimmen, Einzeller oder Mensch, doch es ist immer ein Lebewesen bis – ja bis es stirbt: Tote Lebewesen gibt es nicht, dass ist ein Widerspruch in sich. Das Wesen ist das Wirkliche, das Eigentliche, das, was hinter dem Anschein steht (der falsch wahrgenommen werden kann). Es geht nicht darum, dass etwas „da“ ist, also existiert, sondern darum, dass etwas „genau so“ ist und nicht anders. Sonst ist es ein Unwesen, etwas, das es nicht gibt, etwa Zombies, die lebenden Toten. Fragen können und sollten wir uns, was das Wesen des Menschen ist. Nur, dass er lebt? Dass er eine Seele hat, was für die Religionen das Wichtigste ist, dass er denken kann, was die Philosophie der Neuzeit herausstellt? Johann Wolfgang von Goethe spricht vom Dreiklang Leib, Seele und Geist als dem Wesen des Menschen. Der Leib bestimmt ihn als Lebewesen. Die Seele ist bei Goethe kein religiöser Begriff, sondern steht für Wahrnehmung und Empfindung, für das Anteilnehmen an der Umwelt und gefühlsmäßiges Reagieren. Der mit Gott verglichene Geist kann sich darüber erheben und frei machen: Frei davon, dass wir die Dinge danach beurteilen, ob sie uns nutzen, wie ein Mastschwein, uns gefallen, wie ein Schillerfalter, oder ob wir sie als schädlich oder hässlich, wie vielleicht die Spinne und die gefräßige Raupe, erachten. Der Geist des Menschen, so sagt er und das sollten wir hoffen, kann das Wesen der Dinge erkennen und jedes in seiner eigenen Art annehmen und schätzen. Anmerkung: Dies ist ein „Klickwort“ zum Hör-, Seh- und Klickbuch „Uri durch den Spiegel“ von Karl-Josef Durwen. Hörproben und Downloads unter Link (Klickbuch) bzw. Link (Hörbuch) |
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