{"id":2458,"date":"2019-01-24T16:49:38","date_gmt":"2019-01-24T15:49:38","guid":{"rendered":"http:\/\/2018.ureda.de\/?page_id=2458"},"modified":"2019-01-24T16:49:39","modified_gmt":"2019-01-24T15:49:39","slug":"auszug-aus-kapitel-zwischen-gestern-und-morgen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ureda.de\/?page_id=2458","title":{"rendered":"Auszug aus Kapitel &#8222;Zwischen Gestern und Morgen&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Zweckm\u00e4\u00dfig hei\u00dft, dass es f\u00fcr\ndie Fledermaus wichtig ist, einen Falter zu erwischen, und f\u00fcr diesen, nicht\ngefressen werden. Der Schmetterling hat nichts davon, die Farbenpracht einer\nBlumenwiese zu bewundern. Im Gegenteil! Diejenigen, die die Welt bestaunen,\nlaufen Gefahr an Unterern\u00e4hrung zu sterben oder von einem Fressfeind aus ihrer\nAndacht ins Jenseits bef\u00f6rdert zu werden. Ohnehin nimmt der kleine Gaukler die\nFarben der Wiese kaum wahr.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch dachte, die Farben der\nBlumen dienen dazu, ihn anzulocken?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNicht die Farben, sondern\nSignale. Die sind umso besser, je klarer sie erkennbar sind. Der Startschuss\nzum Wettlauf ist weit eindeutiger als eine wohlgesetzte Rede des Starters, in\nder er dazu auffordert, mal loszurennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich sieht der Schmetterling die Blumenwiese ziemlich grau in grau,\ndoch gleichsam mit eingebetteten Leuchtmarkierungen seiner Wirtspflanzen.\nDarauf fliegt er zu, setzt sich auf das Ding, schmeckt die Nahrung mit den\nF\u00fc\u00dfen &#8230;\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbHast du F\u00fc\u00dfe gesagt?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, daran hat er\nGeschmackszellen zum Vorkosten. Sonst m\u00fcsste er unn\u00fctze Versuchsbohrungen mit\nseinem R\u00fcssel machen. In dieser K\u00f6rperhaltung ist er aber besonders gef\u00e4hrdet.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEcht geil! Aber denk an die\nZeit!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbZeit kann man <em>nur<\/em>\ndenken. Sie ist, wie gesagt, kein Ding und keine Eigenschaft, sondern die\nOrdnung wahrgenommener Bewegungen oder Ver\u00e4nderungen der Dinge.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch nehm\u2019s f\u00fcr wahr. Aber\nkomm endlich zur Zukunft.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Zukunft ist vielleicht\nnicht so endlich, wie du sagst.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbOh nein; nicht schon wieder\nWortspiele! Erkl\u00e4re bitte, wie sie erfunden wurde.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAlso: Unser Schmetterling &#8211;\nsagen wir, ein Schillerfalter namens Uri, fliegt auf ein H\u00e4ufchen Kot zu.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKot? Wie unappetitlich! Auf\neine sch\u00f6ne Blume bitte!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbVon Blumen h\u00e4lt er aber\nnichts. Denn der herrlich blau schimmernde Falter ern\u00e4hrt sich nicht von\nNektar, sondern saugt Mineralien aus Exkrementen und Aas. Auf eine solche\nNahrungsquelle flattert er zu schon sp\u00e4ter Stunde mit gro\u00dfem Appetit zu und\nwird dabei von einer fr\u00fch erwachten Eule geortet.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch ahne schon, was kommt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWas kommt, ist Zukunft, und\nauch der Vogel ahnt sie. Er verf\u00fcgt nach Millionen Jahren der Entwicklung des\nLebens \u00fcber hervorragende Sinnesorgane und einen leistungsstarken Datenspeicher\nim Kopf. Dieser arbeitet weiterhin nach dem Perlenkettenprinzip: Jeder aktuelle\nEindruck schiebt den vorherigen eine Position weiter nach hinten, immer mehr in\ndas hinein, was wir Vergangenheit nennen. Das hat sich inzwischen als \u00e4u\u00dferst\nn\u00fctzlich erwiesen, denn es f\u00fchrt \u00fcber die Einzelbilder hinaus zur Erkenntnis\nder Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Bildserie\nregistriert die Eule an jeweils gleichen Stelle einen Weidenzweig und in\neinigem Abstand einen Kothaufen. Unbewegtes ist uninteressant. Ein kleines Ding\naber befindet sich erst auf dem Zweig, dann etwas davon entfernt, und auf den\nn\u00e4chsten Bildern n\u00e4her und n\u00e4her am Haufen. Sich bewegende kleine Dinge sind\nspannend, denn sie schmecken oft gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Interpretation\nordentlich abgelegter Bilder wurde l\u00e4ngst Routine; das Erleben der Welt ist\ninzwischen dynamisch. Jetzt kommt das Neue: Durch gedankliche Fortf\u00fchrung der\nBildserie entsteht im Kopf unseres J\u00e4gers ein Bild, das es in der Umwelt noch\ngar nicht gibt: Der Falter sitzt auf dem Kot.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vorgriff auf die weitere\nBewegung, deren Prinzip erkannt wurde, fliegt die Eule nicht dahin, wo der\nFalter gerade ist, jedoch bei der Ankunft des J\u00e4gers nicht mehr sein wird,\nsondern dahin, wo er sich \u2013 in der Zukunft! \u2013 befinden wird.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbArmer Schmetterling.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEin fr\u00fches Opfer der\nPlanung. Aber ich hoffe, es wurde zu deinem Verst\u00e4ndnis gebracht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJa, ich blicke es: Sinnliche\nErlebnisse der Gegenwart werden in Gedankenketten als Vergangenheit abgelegt,\nverglichen, dadurch Ver\u00e4nderungen erkannt und als Zukunft weiter gedacht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSehr gut! Zeit ist ein\nHilfsmittel, ein Werkzeug, genauer gesagt, ein Denkzeug. Somit verwundert es\nnicht, dass man den Umgang damit lernen muss. Kinder sind zun\u00e4chst unf\u00e4hig,\nzwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu unterscheiden, sprechen\nanf\u00e4nglich ohne die Zeitformen, tun sich noch lange mit Begriffen f\u00fcr die\nZukunft schwer.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEhrlich gesagt, ich tu mich\nderzeit mit der Gegenwart schwer.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDann machen wir jetzt eine\nPause.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbNicht Schluss?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIst die Perlenkette der Zeit\ngeschlossen, dann wird dieser ja doch wieder Anfang sein.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweckm\u00e4\u00dfig hei\u00dft, dass es f\u00fcr die Fledermaus wichtig ist, einen Falter zu erwischen, und f\u00fcr diesen, nicht gefressen werden. Der Schmetterling hat nichts davon, die Farbenpracht einer Blumenwiese zu bewundern. Im Gegenteil! 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