{"id":3752,"date":"2019-03-15T10:42:40","date_gmt":"2019-03-15T09:42:40","guid":{"rendered":"http:\/\/ureda.de\/?page_id=3752"},"modified":"2019-03-15T10:46:38","modified_gmt":"2019-03-15T09:46:38","slug":"glaube-und-wissen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ureda.de\/?page_id=3752","title":{"rendered":"Glaube und Wissen"},"content":{"rendered":"\n<p>In das vom Glauben beherrschte hohe Mittelalter drangen auf abenteuerlichen Wegen (die in \u201eSofies Spiegelwelt\u201c geschildert werden) die Lehren und Methoden des Aristoteles &#8211; den Begr\u00fcnder der Wissenschaften &#8211; ein. Ein wesentlich Beteiligter war Thomas von Aquin, der den dadurch eigentlich zwangsl\u00e4ufig scheinenden Konflikt zwischen Glauben und Wissen f\u00fcr lange Zeit entsch\u00e4rfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu zwei Ausz\u00fcge aus dem Roman:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus dem Kapitel \u201eDer stumme Ochse, der br\u00fcllte\u201c: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im ersten Schritt untergrub er\nzusammen mit Albertus durch unz\u00e4hlige Schriften, Diskussionen und mit\n\u00fcberzeugenden Argumenten das platonisch gepr\u00e4gte, naturverachtende Weltbild,\ndas der Kirchenvater Augustinus verankert hatte. Im zweiten Schritt machten die\nbeiden Aristoteles zur neuen philosophischen Autorit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Den dritten ging Thomas, den man\nsp\u00e4ter den engelsgleichen Lehrer nannte, alleine: Er errichtete nichts\nGeringeres als das neue Lehrgeb\u00e4ude der katholischen Kirche. Dazu brach er\npassende Bausteine aus der Philosophie des Aristoteles und schlug sie mit den\nWerkzeugen der Scholastik zurecht. Er blieb bei der platonischen\nAbleitungsmethode, berief sich nunmehr jedoch in vielen Argumentationen auf\n\u201eden Philosophen\u201c, wie Aristoteles bald nur noch hie\u00df, als Autorit\u00e4t. Die\nPhilosophie blieb die Magd der Religion, die Erfahrungsphilosophie wurde\nbestenfalls eine K\u00fcchenhilfe.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJetzt bitte mal statt\nBeschreibungen der Personalausstattung der Reihe nach: Was war so schlimm an\nAristoteles und wie wandelte er sich vom Christenschreck zum religi\u00f6sen\nSupermann?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDer alte Grieche, richtig\nMakedonier, lehrte, die Welt sei nicht geworden und gehe nicht zugrunde.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbPasst nicht wirklich gut zur\nSch\u00f6pfung und dem J\u00fcngsten Tag.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbFerner glaubte er nicht an eine\nindividuelle, unsterbliche, nur Menschen zukommende Seele.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbAuch voll daneben, denn ohne\npers\u00f6nlichen Seele ginge der ganze christliche Glauben zum Teufel.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u00bbDer Satan braucht auch die Seele! Doch unser\nDuo bereinigte diese und alle weiteren Widerspr\u00fcche auf der Basis von zwei\nArgumenten: Erstens, dass die bisher vorliegenden \u00dcbersetzungen und\nInterpretationen aus dem Arabischen stammten. Also gab es muslimische\nFehlinterpretationen, wenn nicht gar Verf\u00e4lschungen. Zweitens lebte Aristoteles\nnun mal vor Christus und konnte die Offenbarungen nicht kennen. Ein\nchristlicher Theologe aber war in der Lage, die Spreu der Verzerrungen und\nIrrt\u00fcmer vom Weizen der Wahrheit zu trennen.<\/p>\n\n\n\n<p>So erkannte Albertus, dass die\nerste Ursache, also die Unbewegte Bewegung, keine Kraft ist, sondern eine\nPerson: Gott. Klar, dass auch die letzte Wirkung, das Ziel, nur Gott sein kann.\nSomit fallen Anfang und Ende im Sch\u00f6pfer zusammen, und die heidnische\nPhilosophie ist eingepasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einschleusung der\nNaturwissenschaft ins religi\u00f6se System gelang Albertus Magnus mit dem dritten\nArgument: Die Natur sei eine mit Materie geschriebene Offenbarung Gottes, und\nAristoteles zeige, wie man sie lesen kann.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><strong>.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus Kapitel \u201eDer Glaube siegt\u201c:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDoch von den Folgen zur\u00fcck an\ndie Anf\u00e4nge: Thomas zog 1248 als Assistent mit dem Meister nach K\u00f6ln, wo dieser\nseine Universit\u00e4t gr\u00fcndete. Das kurios anzuschauende Paar \u2013 Albert klein und\nd\u00fcnn mit \u00fcberproportionalem Kopf, Thomas mit imposanten Leibesf\u00fclle \u2013 wirkte\ndort acht Jahre lang zusammen. Dann erhielt Thomas einen Ruf als Magister nach\nParis.<\/p>\n\n\n\n<p>Er lehrte im Sinne des Albertus,\ndie Natur sei kein minderwertiger Schatten der himmlischen Welt, sondern reale\nSch\u00f6pfung, durch deren Verst\u00e4ndnis man dem Sch\u00f6pfer n\u00e4her komme. Glaube und\nWissen seien kein Gegensatz. Die Philosophie des Aristoteles st\u00fctze sogar die\nReligion, denn Zweifel am Glauben seien rational widerlegbar.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie Behauptung konnte aber ein\nSchuss in den Ofen werden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSeine Argumentation geht ja weiter:\nVerstand und Logik haben Grenzen. Es gibt Wahrheiten, die nicht durch Denkkraft\nerreichbar sind, sondern nur durch Glaubenskraft. Diese Wahrheiten sind nicht\nwidervern\u00fcnftig, sie sind \u00fcbervern\u00fcnftig. Somit ist der Umkehrschluss\nunzul\u00e4ssig, dass etwas, das nicht rational bewiesen werden kann, falsch ist.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWieder das Strickmuster mit den\nParagrafen eins und zwei: Aristoteles, Verstand und Logik haben recht, so lange\nes den Glauben st\u00fctzt, andernfalls automatisch Unrecht.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbJedenfalls schmiedete Thomas mit\ndieser Argumentation aus den heidnischen Lehren einen Schutzschild des\nGlaubens. Geh\u00e4rtet wurde er durch f\u00fcnf auf Aristoteles verweisende, jedoch\nunlogisch verwendete Beweise f\u00fcr die Existenz Gottes.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDie du uns logischerweise nicht\nersparen kannst.\u00ab <\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbDoch ich kann, weil wir den\nZirkelschluss schon bei Descartes fanden. Der Kirchenmeister setzt n\u00e4mlich bei\nallen Beweisen Gott als h\u00f6chste Glaubenswahrheit voraus. Dann schmiedet er eine\nArgumentationskette unter Berufung auf Aristoteles, bis zu dem Glied, an dem\ndieser erkannte: ab hier ist nichts mehr mittels Verstand zu sagen. Doch diese\nGrenze \u00fcberspringt Thomas, indem er die vorausgesetzte Glaubenswahrheit als\nL\u00f6sung einsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wom\u00f6glich wusste er selbst, dass\nes nur so scheint, als w\u00fcrden durchgehend logische Beweise gef\u00fchrt. Sie sollten\nja auch nicht dazu dienen, einen Ungl\u00e4ubigen zu \u00fcberzeugen, sondern die\nGlaubens\u00fcberzeugung m\u00f6glichst konfliktfrei mit Aristoteles zu best\u00e4tigen. Nur\ndurch derartige Tricks konnte dessen Philosophie Einzug in die christliche Welt\nhalten. Thomas entsch\u00e4rfte die Bombe des logischen Denkens, die das\nGlaubensgeb\u00e4ude zum Einsturz h\u00e4tte bringen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In das vom Glauben beherrschte hohe Mittelalter drangen auf abenteuerlichen Wegen (die in \u201eSofies Spiegelwelt\u201c geschildert werden) die Lehren und Methoden des Aristoteles &#8211; den Begr\u00fcnder der Wissenschaften &#8211; ein. Ein wesentlich Beteiligter war Thomas von Aquin, der den dadurch eigentlich zwangsl\u00e4ufig scheinenden Konflikt zwischen Glauben und Wissen f\u00fcr lange Zeit entsch\u00e4rfte. 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