{"id":885,"date":"2018-09-02T14:57:10","date_gmt":"2018-09-02T12:57:10","guid":{"rendered":"http:\/\/2018.ureda.de\/?page_id=885"},"modified":"2018-09-02T16:59:09","modified_gmt":"2018-09-02T14:59:09","slug":"erstes-kapitel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.ureda.de\/?page_id=885","title":{"rendered":"Erstes Kapitel"},"content":{"rendered":"<p><strong>1.1 Ein Fall und die Folgen<\/strong><\/p>\n<p>\u00bbNein, nein, nein!\u00ab, schreit sie im Sturz, im endlosen Fall, den kein Armrudern bremst. Ein Schlag gegen die Hand: Schmerz, Erwachen, Angstschwei\u00df.<\/p>\n<p>An Wiedereinschlafen ist nicht mehr zu denken, daf\u00fcr sitzt die Beklemmung zu tief. Zudem dieses Klappern, das nicht getr\u00e4umt sein kann. Ach, Kuschel! Iris knipst das Licht an, nimmt das Meerschweinchen aus dem Stall, um ihre Angst wegzustreicheln. Ob so ein Tier auch tr\u00e4umt und Angst hat? Richtige Angst, nicht nur Erschrecken? Sogar die vor dem Tod? Das M\u00e4dchen denkt dar\u00fcber nach, vermutet, dass man sich nicht vor etwas f\u00fcrchten kann, was man noch nie erlebt hat und wovon ein Tier nichts wissen kann? \u00bbDu hast es gut\u00ab, fl\u00fcstert Iris der Meerschweinchendame ins Ohr und streichelt sie sanft.<\/p>\n<p>Zehn nach F\u00fcnf, liest sie auf der Uhr. Noch eine Stunde bis zum Aufstehen. Bl\u00f6de Schule! An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Sie greift zu ihrem aktuellen Schm\u00f6ker. Darin f\u00fcrchtet sich dieser Zweiblum nie. Er l\u00e4uft als Tourist auf der Scheibenwelt herum, findet alles toll und besteht locker die irrsten Abenteuer, weil er nie eine Gefahr sieht. Dagegen ist sein Freund Rincewind ein echter Feigling. Und Cohan, der alt gewordene Barbar, bew\u00e4ltigt seine Angst, weil er Heldentaten vollbringen muss.<\/p>\n<p>Typisch die Szene, die sie gerade liest: Die Druiden wollen ein M\u00e4dchen opfern. Zweiblum tritt wie selbstverst\u00e4ndlich in den Kreis der Priester und macht sie in aller H\u00f6flichkeit darauf aufmerksam, dass man den G\u00f6ttern auch Beeren und N\u00fcsse anbieten k\u00f6nne. Cohan dagegen sondiert die Lage und entwickelt seinen Plan (mangels Z\u00e4hnen etwas undeutlich): \u201eIn Tempel ft\u00fcrmen, die Priefter erledigen, Gold ftehlen, M\u00e4dchen retten und abhauen.\u201c Rincewind antwortet: \u201eIch schlage vor, wir beschr\u00e4nken uns auf den letzten Punkt.\u201c<\/p>\n<p>Die Umst\u00e4nde, denkt Iris, sind f\u00fcr alle gleich, ihre Empfindungen aber v\u00f6llig verschieden. Angst ist nicht wie Durst, h\u00e4ngt wohl von der Einstellung ab. Vielleicht auch von dem, was man Bewusstsein nennt. Das besitzen, so hie\u00df es in der Schule, nur Menschen. Aber ob das stimmt? Lehrer reden zwar klug daher, wissen jedoch l\u00e4ngst nicht alles. Bestimmt hat Kuschel ein Bewusstsein, so klug wie sie ist!<\/p>\n<p>Soll sie ihren Vater fragen? Der liest ja sogar B\u00fccher \u00fcber Philosophie. Aber nein, lieber nicht; denn eigentlich spricht sie nie richtig mit ihm. H\u00f6chstens mal \u00fcber Computer. Als F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige mit dem Vater zu reden, ist verdammt schwer; noch dazu \u00fcber Angst.<br \/>\nWarum auch? Der Traum ist vorbei. Zudem sind, wie \u00fcblich, noch nicht alle Hausaufgaben gemacht. F\u00fcnfzehn Minuten daf\u00fcr, statt zu fr\u00fchst\u00fccken, m\u00fcssen reichen.<\/p>\n<p>Am Abend nahm Iris eines ihrer Dauerb\u00e4der, die der Vater nicht sch\u00e4tzt: wegen Wasser- und Energieverbrauch, Kosten und Umweltschutz. Duschen soll sie, als ob das ein Genuss w\u00e4re! Er ist eben ein Gr\u00fcner.<\/p>\n<p>Nach dem Bad versp\u00fcrte sie Hunger, machte sich auf zum K\u00fchlschrank, nahm K\u00e4se und Wurst heraus. Dann dachte sie an die letzte Nacht und daran, dass ihre Mutter schon mehrfach gesagt hatte, vom sp\u00e4ten Essen bek\u00e4me man schlechte Tr\u00e4ume. So lie\u00df sie alles stehen und verzog sich auf ihr Zimmer.<\/p>\n<p>Noch bevor sie es erreichte, h\u00f6rte sie den Vater aus dem Wohnzimmer kommen und war sich sicher, dass er die Lebensmittel in den K\u00fchlschrank zur\u00fcckstellen, das Geschirr in die Sp\u00fclmaschine geben und das K\u00fcchenlicht l\u00f6schen w\u00fcrde. Sie wusste ja, dass er die Unordnung hasst, die sie st\u00e4ndig verbreitet. Und eigentlich hatte sie auch alles wegr\u00e4umen wollen; ganz bestimmt!<\/p>\n<p>Im Zimmer lief der Computer. Rasch hatte Iris das Textprogramm geladen, um weiter an der begonnenen Weltraumstory zu schreiben. Denn liebend gern dachte sie sich Geschichten aus. Noch den Kopfh\u00f6rer aufgesetzt, dann f\u00fcllte Rock die Ohren und Captain Picard von der Enterprise ihre Fantasie.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte sie eine Stimme, die \u201ebewusst sein\u201c sagte, blickte zur Zimmert\u00fcr, doch war allein. Sollte etwas in die Musikaufnahme geraten sein? Rasch zur\u00fcckgespult, konzentriert gelauscht. Nein, nichts! Wohl nur Einbildung. Sicher war sie zu m\u00fcde.<\/p>\n<p>Kein Traum schreckte in der Nacht, keine mysteri\u00f6se Stimme st\u00f6rte den Tag. Der Schulmorgen verlief \u00e4tzend wie immer, am Nachmittag nahm Iris sich wieder die Story vor. Elena, ihre j\u00fcngere und selbstverst\u00e4ndlich viel ordentlichere Schwester, w\u00fcrde abends aus der Kur zur\u00fcckkommen. Dann wollte sie ihr die neue Geschichte zu lesen geben. Auch Elena schrieb begeistert und will Schriftstellerin werden. Wie in einem kleinen Wettstreit tauschten sie die Werke ihrer Fantasien aus.<\/p>\n<p>Mit Fantasie, schoss es ihr durch den Kopf, hat wahrscheinlich auch die Angst zu tun. Vielleicht empfindet man die umso mehr, je gr\u00f6\u00dfere Vorstellungskraft man besitzt. In ihrer Fantasie kann sie ganze Universen entstehen lassen, die von der Enterprise erforscht werden. Es ist toll, denken zu k\u00f6nnen! Man kann sogar dar\u00fcber nachdenken, dass man denkt.<\/p>\n<p>Aber deswegen muss man nicht herumgr\u00fcbeln. Das tat sie doch eigentlich nie. War der Angstraum schuld? Oder diese komische Stimme? Bewusstsein? Nein, die Betonung war anders. Zwei W\u00f6rter: bewusst sein. Egal! Es war nur Einbildung. Einbildung wie die Figuren ihrer Geschichten. Alles nur Fantasie. &#8230; Alles nur Fantasie! Iris erschrak bei diesem Gedanken.<\/p>\n<p>Quatsch, Sie ist real! Wenn sie jedoch &#8211; nur mal angenommen &#8211; nicht wirklich w\u00e4re, lediglich Figur in einer Geschichte, was dann? Ist das nicht ein Thema in diesem Philosophie-Roman, von dem ihr Vater schw\u00e4rmte und den sie lesen sollte? Wie hie\u00df er noch? Irgendwas mit einem M\u00e4dchennamen. Ach egal, vergiss es! Als ob sie sich f\u00fcr Philosophiequatsch interessierte. Das ist ja schlimmer als Schule!<\/p>\n<p>Doch Fantasie ist gro\u00dfartig. In der Vorstellung ist alles m\u00f6glich. Das ist ja das Spannende. Scheinbar Unm\u00f6gliches wird wie wirklich und manchmal deutlicher als das Zimmer ringsum oder das Scharren von Kuschel. Aber Kuschel existiert nicht nur in ihrem Kopf. Auch der Computer ist da. Und Elena.<\/p>\n<p>Nun, Elena, der eigentlich das Meerschweinchen geh\u00f6rt, das sie w\u00e4hrend der langen Krankheit im letzten Jahr getr\u00f6stet hatte, war nicht wirklich da. Noch nicht. Doch sobald sie aus der Kur zur\u00fcckkam. Es gibt sie!<\/p>\n<p>Aber w\u00e4re es hier und jetzt anders, wenn sie sich nur eine Schwester ausgedacht h\u00e4tte, mit der sie Geschichten austauscht, Rollenspiele macht, vor dem Fernseher h\u00e4ngt? \u00bbOh Mann, ich glaub, ich spinne!\u00ab, sagte Iris laut.<\/p>\n<p>Jetzt endlich auf die Story konzentriert! Oder soll sie eine neue beginnen \u00fcber ein kleines Pelztier, das superintelligent ist, und zusammen mit Data, dem perfekten Roboter in Menschengestalt, die Geheimnisse der Realit\u00e4t und der Angst l\u00f6st. Ja, das w\u00e4re cool.<br \/>\n\u201eDer Roboter kam herein und brach in Tr\u00e4nen aus\u201c, tippte Iris auf der Tastatur und stockte schon. Eine weinende Maschine? Woher sollten Gef\u00fchle und Tr\u00e4nen kommen? L\u00f6schtaste. Neu: \u201eData kam herein und sah aus, als w\u00fcrde er in Tr\u00e4nen ausbrechen, wenn er es k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p>Das war besser! Eine Maschine hat keine Gef\u00fchle und kann schon deswegen nicht weinen, weil man daf\u00fcr Dr\u00fcsen braucht, die einem Roboter wohl kaum eingebaut wurden. Das w\u00e4re albern. So wie fr\u00fcher die alte Puppe ihrer Mutter, die bei richtiger Bewegung einen Laut wie \u201eMama\u201c von sich gab und scheinbar Tr\u00e4nen vergoss, wenn man auf eine Stelle am Nacken dr\u00fcckte. Das war total bl\u00f6de. Zudem litt das gute St\u00fcck unter verklebten Augen und stank, seit sie versuchsweise den kleinen Tank mit Milch bef\u00fcllt hatte.<\/p>\n<p>Im Grunde muss das Fantastische m\u00f6glich werden k\u00f6nnen, wenn es nicht absurd ist. Ins Unm\u00f6gliche darf man sich nicht verirren. Doch schon wieder verirrten sich ihre Gedanken, tanzten die W\u00f6rter Angst, M\u00f6glichkeit, Fantasie, Realit\u00e4t in ihrem Kopf, h\u00fcpften wirr umher, umkreisten den Begriff Bewusstsein. Zwecklos, sich auf die Story konzentrieren zu wollen. Warum nur war pl\u00f6tzlich alles so verdreht?<\/p>\n<p>Entschlossen tat Iris, was sonst nicht ihre Art war, allenfalls die ihrer Schwester: Sie ging zum B\u00fccherregal im Wohnzimmer und schlug im Lexikon nach, um Ordnung in diesen Begriffstanz zu bringen. Doch welche Entt\u00e4uschung! Unter Bewusstsein las sie: \u201ePsychologisch der Zustand des Habens von Erlebnissen; unterschieden in gegenst\u00e4ndl. B. u. Ich-B., d.h. das Wissen um mich selbst als Subjekt meiner Erlebnisse\u201c. Mann, was f\u00fcr ein geschraubter Stuss! Ein Erlebnis hatte sie bestimmt; das von Frust.<\/p>\n<p>Dennoch schlug sie noch unter Angst nach und las: \u201e[von lat. angustus], stark unlustget\u00f6nter \u2192Affekt\u201c. Und wie unlustget\u00f6nt sie nun war! Nein, diese Wortakrobatik, diese Abk\u00fcrzungen und Verweise, das ist nicht ihr Ding. Das Lexikon blieb liegen, w\u00e4hrend sie selbst zur K\u00fcche trottete, um im Schrank nach S\u00fc\u00dfem als Trost zu forschen.<\/p>\n<p>Wieder im eigenen Zimmer angekommen, stutzte sie. Ein gro\u00dfer Schriftzug bedeckte den Bildschirm: \u201eIch denke, also bin ich\u201c. Ach, wieder einer der Scherze ihres Vaters! Der schrieb gelegentlich schon mal in die Startroutine so tolle Spr\u00fcche wie: \u201eWenn du nicht bald das Zimmer aufr\u00e4umst, dann explodiere ich \u2013 dein Computer\u201c. Das sollte wohl Erziehung sein.<\/p>\n<p>Aber erstens hatte er so etwas lange nicht mehr getan, und zweitens passte dieser Spruch viel zu gut zu ihrem Problem, von dem der Erziehungsberechtigte nichts wissen konnte. Oder doch? Sie hatte das Lexikon offen liegen gelassen. Wenn er die aufgeschlagene Seite mit \u201eBewusstsein\u201c gesehen hatte, w\u00e4hrend sie in der K\u00fcche war, dann &#8230;<\/p>\n<p>Schnell zur\u00fcck ins Wohnzimmer. Ja, da lag das Lexikon noch aufgeschlagen. Jedoch beim Begriff Angst. Sicherheitshalber ging sie dennoch zum Arbeitszimmer ihres Vaters. Unbelegt. Er war nicht zuhause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.1 Ein Fall und die Folgen \u00bbNein, nein, nein!\u00ab, schreit sie im Sturz, im endlosen Fall, den kein Armrudern bremst. Ein Schlag gegen die Hand: Schmerz, Erwachen, Angstschwei\u00df. An Wiedereinschlafen ist nicht mehr zu denken, daf\u00fcr sitzt die Beklemmung zu tief. 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